Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 12.08.2010
Mademoiselle Chambon
Die Wege der Gefühle sind unergründlich
Schüchterne Lehrerin betört den Vater eines Schülers: Eine subtile französische Studie über Liebe, Leben und Leidenschaft
Auch wenn man beim Hören des Titels schnell an Schinken denkt, französisch: "Jambon", hat der Name der Titelfigur nichts damit zu tun; dabei ist es nicht gar so weit hergeholt, wenn man Fleischeslust assoziiert. "Mademoiselle Chambon", angelehnt an Éric Holders gleichnamigem Roman, beschäftigt sich mit einer solchen. Mademoiselle Chambon (Sandrine Kiberlain), die etwas spröde, im kleinstädtischen französischen Milieu fast englisch wirkende Lehrerin des kleinen Jérémy, verliebt sich in dessen Vater Jean (Vincent Lindon), der doch eigentlich glücklich verheiratet ist. Was ihn nicht davon abhält, auf die schüchternen Annäherungsversuche der Frau zu reagieren. Als sie für Jean ein Ständchen mit ihrer Geige spielt, ist es um ihn geschehen.
So richtig mag man als Zuschauer nicht verstehen, warum sich diese beiden Charaktere anziehen. Doch die Wege der Liebe sind bekanntlich unergründlich. Deshalb bleibt diese zart erzählte Liebesgeschichte, die fast etwas Brutales, weil Unerbittliches hat, trotzdem glaubhaft. Regisseur Stéphane Brizé ("Man muss mich nicht lieben") lässt die Zuschauer teilhaben an der knisternden Spannung zwischen den beiden, an Jeans Familienleben, an der Unsicherheit seiner Frau, als er sie unwirsch behandelt, weil er wütend auf sich selbst ist, an der Einsamkeit der jungen Lehrerin Mademoiselle Chambon, die nur zu gerne bereit wäre, ihre Unabhängigkeit gegen eine feste Beziehung einzutauschen.
Brizé und sein Kameramann Antoine Héberlé ergründen die Gesichter und die Gefühle, die sich auf ihnen zeigen, im Cinemascope-Format: Kummer, Verwirrung, Glück, Verlegenheit, manchmal auch Zufriedenheit. Sie tauchen ein in Situationen der fast schon elektrisierenden Nähe, zeigen das schweigende Paar auf einem Bett nebeneinander sitzend, um Musik zu hören, sich verlegen belauernd, wartend auf den Moment der Katharsis. Brizé beweist sich hier als Meister des Vermittelns von Emotionen und Atmosphäre. Der Erzählfluss war ihm weniger wichtig, das zeigen auch die harten Schnitte.
Kiberlain und Lindon, pikanterweise ehemals auch im wahren Leben ein Paar, leisten ein Übriges, um diesen Film zu einer subtilen Studie über Liebe, Leben und Leidenschaft zu machen. Handlungs- oder gar actionreich ist er kaum. Eher ruhig und zurückhaltend, und dafür umso bewegender. Man muss sich nur darauf einlassen.
Eva Maria Schlosser
12.08.2010 - aktualisiert: 12.08.2010 10:49 Uhr