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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 19.08.2010

Briefe an Julia

Taschentuch-Alarm

Italien als Postkarten-Idyll in einer Romanze nach Standardschema
 

Als "fomula film" bezeichnen die Amerikaner einen Film nach Standard-Strickmuster, und als "chick flick" einen, der sich wegen seiner starken romantischen Anteile überwiegend an ein weibliches Publikum richtet; "Briefe an Julia" ist beides in vollendeter Überzeichnung - und Regisseur Gary Winick ist sich für kein Klischee zu schade.

In einem Postkarten-Italien gibt da eine Mamma mit Kittelschürze den Amerikanern Nachhilfeunterricht in Sachen authentischer Küche, bleibt ein verklemmter Brite beharrlich blind für liebliche Blondheit, steigt ein reifer Cavaliere vom Ross, um ein jahrzehntealtes Liebesversprechen einzulösen. Dass es für derlei ein großes Publikum gibt, zeigt die Flut an einschlägigen Groschenheften, Magazinen, Film- und TV-Produktionen. Und Winick bietet solides Handwerk, er drückt immer im richtigen Moment den passenden Herz-Schmerz-Knopf.

In Verona entdeckt die Amerikanerin Sophie, deren Verlobter sich nur für Kulinarisches interessiert und nicht für sie, dass Frauen aus aller Welt Trost suchen, indem sie Briefe an Shakespeares Dramenfigur Julia Capulet schreiben und unter deren vermeintlichem Balkon in die Mauer klemmen. Sophie findet ein uraltes Schreiben einer Britin, die einst vor der Liebe floh und nun wieder aufgescheucht wird. Der als Begleiter abkommandierte Enkel der alten Dame, very british, is not amused, weil er fürchtet, Oma könne sich aufregen; dabei ruht diese in sich, und er muss nichts weiter tun, als gratis in Italien dem Müßiggang zu frönen. Über die pittoreske Suche nach dem Galan dürfte sich die italienische Tourismusbehörde freuen, und am Ende kommt es natürlich exakt so, wie die Zielgruppe es ersehnt.

Gael Garcia Bernal ist als unaufmerksamer Verlobter unterfordert, Amanda Seyfried bekommt keine Gelegenheit zu zeigen, ob sie mehr kann, als süß zu sein, Vanessa Redgrave ist eine tolle Oma von Welt, Christopher Egan der Anti-Romeo, der sich dem Leben öffnen muss. Und die herzensguten, gastfreundlichen Italiener sind von der Sorte, die man sich wünscht, aber selten trifft. All das muss so sein, denn solche Filme funktionieren als romantische Simulation einer Welt, die nur in Träumen existiert. Deswegen lösen sie ja auch Taschentuch-Alarm aus.
 

Bernd Haasis

19.08.2010 - aktualisiert: 19.08.2010 13:57 Uhr

 


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