Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 26.08.2010
Der kleine Nick
Eine Bilderbuchfamilie
Laurent Tirard übersetzt die Zeichnungen der "Der kleine Nick"-Serie für das Kino ins Reale
Die Geschichten vom kleinen Nick leben ganz von der kindlichen Sichtweise auf die Welt der Erwachsenen, davon, dass der kleine Erzähler deren Widersprüche mit erfrischender Direktheit offenlegt. Laurent Tirard hat den Winzling aus der Feder von Sempé und Goscinny fürs große Kino entdeckt, doch leider ist ihm bei der Übersetzung ins Reale diese naive Perspektive nicht immer geglückt. Beste Familienunterhaltung garantiert der Streifen trotzdem, denn er entführt in eine liebevoll inszenierte, mit hübschen Klischees, niedlichen Kindern und freundlichen Erwachsenen ausgestattete Idylle der 1960er Jahre.
Vor allem die kleine Rasselbande hat ein glaubwürdiges Gesicht bekommen. In den gezeichneten Vorlagen sehen Nick und seine Freunde fast alle gleich aus, sind Archetypen des Kindlichen. Insofern ist Maxime Godart in der Rolle des kleinen Nicks perfekt besetzt: ein hübscher, unauffälliger Junge, der als Identifikationsfigur taugt. Aber auch Kad Merad ("Willkommen bei den Sch"tis") als Nicks Vater und Sandrine Kiberlain als Lehrerin überzeugen in den Rollen von Bilderbuch-Erwachsenen, sind nett, geduldig, erwecken Vertrauen, niemals Furcht, bleiben auch bei kindlichen Turbulenzen gelassen.
Zwei Geschichten aus dem Fundus an Nicks Streichen bilden das Handlungsgerüst des Films: Weil Joachim nach der Geburt eines Schwesterchens in der Schule fehlt, treibt Nick die Angst um, dass ihn dasselbe Schicksal ereilen könnte. Wird er im Wald ausgesetzt, um Platz für ein neues Kind im Haus zu machen?
Mit Hilfe seiner Freunde arbeitet er daran, das Schicksal abzuwenden, das er sich ausmalt, nachdem er seine Eltern belauscht, aber falsch verstanden hat. Die bemerken die Pein ihres Lieblings gar nicht, sie beschäftigt viel Banaleres. Der Chef von Nicks Vater soll zum Essen kommen. Wie Nicks Mutter an dem großen Abend ihren ambitionierten Ansprüchen scheitert und von einem Fettnäpfchen ins nächste tappt, malt Laurent Tirard fast zu deftig aus.
Nicks Kosmos ist eine kleine überschaubare Welt, die sich deutlich langsamer als heute dreht und in der Kinder keine kleinen Erwachsenen, sondern einfach sie selbst sein dürfen. Sogar der Verkauf eines angeblichen Zaubertranks an andere Kinder, mit der Nick und seine Freunde die Entführung seines noch nicht einmal gezeugten Geschwisterchens durch einen Gangster finanzieren wollen, bleibt ein harmloser Jungenstreich.
Keine Sekunde lang werden junge Kinogänger mit dem üblichen Leinwandgruselpotenzial erschreckt. Selbst Nicks Schule, in der die Kinder adrette Uniformen mit Krawatte tragen und aufspringen, wenn eine Respektsperson ins Klassenzimmer tritt, lässt autoritäre Zeiten nur als sanftes Echo anklingen. So viel heile Welt - das muss man freilich auch aushalten wollen.
Andrea Kachelriess
26.08.2010 - aktualisiert: 26.08.2010 10:42 Uhr