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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 26.08.2010

Mary & Max oder schrumpfen Schafe, wenn es regnet?

Bizarre Brieffreundschaft zwischen Außenseitern

Voll schwarzem Humor und Empathie: Adam Elliot ist mit "Mary & Max" ein Meisterwerk der Knetanimation gelungen
 

In Zeiten von 3-D-Animationsfilmen mögen in Stop-Motion-Technik gefilmte Knetanimationen manchem anachronistisch wirken, doch muss man sich nur der Werke der britischen Aardman-Studios ("Wallace & Gromit") besinnen, um zu erkennen, was für charmante Trickfilmperlen damit entstehen können. Der Australier Adam Elliot hat dem Genre nun eine neue Perle hinzugefügt: eine Tragikomödie in Plastilin.

Das Leben der achtjährigen Mary, dicke Brille und pummelig, ist ebenso trostlos wie der Vorort Melbournes, in dem sie wohnt: die Mutter Alkoholikerin, der Vater gleichgültig, in der Schule wird sie gehänselt. Eines Tages sucht sie per Zufallsprinzip eine Adresse aus einem New Yorker Telefonbuch heraus und schreibt einen Brief an den Unbekannten: Max Horowitz, 44 Jahre alt, übergewichtig und zurückgezogen. Umgang mit Menschen bereitet ihm Qualen, denn er leidet am Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus. Mary fragt ihn Sachen, die Achtjährige eben so fragen, und Max, der kaum fassen kann, dass sich irgendjemand für ihn interessiert, antwortet ihr ausführlich und mit größtem Ernst. Da will Mary etwa wissen, wo kleine Kinder in den USA herkämen; in Australien würden sie in Bier aufgezogen, habe man ihr gesagt. Und Max schreibt zurück, ihm sei als Kind erzählt worden, bei Juden würden sie von Rabbis ausgebrütet, bei Katholiken von Nonnen und bei Atheisten von Prostituierten - und um all diese skurrilen Brieftexte zu illustrieren, erweisen sich die Knetanimationen als perfektes Medium. Zwischen Mary und Max entspinnt sich eine über 20-jährige Brieffreundschaft, sie verändert beider Leben, hilft ihnen, dieses zu meistern, verursacht aber auch harsche Rückschläge.

Elliot gelingt Außergewöhnliches: Voll schwärzestem und teils derbem Humor, zugleich mit unglaublicher Empathie erzählt er die Geschichte von zwei Außenseitern; er kreiert dabei liebenswerte und bizarre, aber niemals auf platte Weise niedliche Figuren, und trotz überbordender Details tritt niemals die Erzählung gegenüber der Optik in den Hintergrund. Ein Meisterwerk, das einen mal hysterisch lachen, mal vor Bitternis schlucken lässt und am Ende Tränen in die Augen treibt.
 

Oliver Stenzel

26.08.2010 - aktualisiert: 26.08.2010 10:53 Uhr

 


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