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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.09.2010

Zwischen uns das Paradies

Vergebung ist möglich

Eine Frau kämpft um ihren Mann, den Islamisten umwerben.
 

Flugbegleiterin Luna braucht keine Worte, um ihrem Unmut Luft zu machen - mit versteinerter Miene schlägt sie die Deckel der Gepäckfächer zu, und es ist klar: Sie ist wütend und weiß nicht, wohin damit. Dem Prinzip, Befindlichkeiten in Bildern statt Worten auszudrücken, folgen die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic und ihre Hauptdarstellerin Zrinka Cvitesic konsequent.

Nachdem sie in "Grbavica" einfühlsam die Nachwehen des Krieges verarbeitet hat, geht Zbanic nun mitten hinein in einen Konflikt der Gegenwart: die aggressive Missionierung durch radikalislamische Gruppierungen, die sich vom öffentlichen Leben abkapseln. In deren Fänge gerät Lunas Freund Amar, ein liebenswerter Chaot ohne Ziel, der zu viel trinkt. Luna folgt ihm ins Islamisten-Camp, wo beklemmende Unfreiheit herrscht, wo alle sich Allah unterwerfen und die Frauen überdies noch den Männern. Eine verschleierte Gebärmaschine erklärt ihr: "Die westlichen Frauen werden durch ihre Karrieren versklavt. Die Kinder lassen sie von anderen Leuten großziehen. Der Westen ruiniert das Frausein."

Bald fordert auch Amar strenge Regeln ein, er will keinen Sex mehr vor der Ehe und poltert beim Familienfest gegen den Alkohol, wegen dem die Moslems den Krieg verloren hätten. Und er lernt die Extremistenrhetorik, alles passend hinzudrehen: Luna bricht die künstliche Befruchtung ab, weil sie mit ihm in dieser Verfassung kein Kind möchte, er aber versucht ihr einzureden, sie tue es, weil sie kein Kind in Sünde wolle.

Nüchtern blickt Zbanic auf die religiösen Fanatiker und ihre zivilisationsfernen Gepflogenheiten wie Zwangsehen mit Minderjährigen und Bigamie. Vor allem aber zeigt sie eine junge Frau, die sich ihrer Selbstbestimmtheit erst richtig bewusst wird, die diese auskostet, aber auch damit ringt.

Der sinnlichen Zrinka Cvitesic gelingt es in Gesten und Blicken, den emotionalen Aufruhr im Innern ihrer Figur fühlbar werden zu lassen. Mit Tränen in den Augen streicht sie dem serbischen Mädchen über die Haare, das nun im ehemaligen Haus von Lunas Großmutter wohnt - ein Sinnbild dafür, dass Vergebung möglich ist. Und ein krasser Gegensatz zu den "Kriegern Allahs", die nichts als Revanche im Sinn haben.
 

Bernd Haasis

02.09.2010 - aktualisiert: 02.09.2010 14:27 Uhr

 


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