Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 30.09.2010
Der letzte Exorzismus
Teufelsaustreibung mit Placebo-Effekt
Der charismatische Prediger Cotton Marcus arbeitet nebenher als Exorzist. Nicht weil er an das Böse glaubt, sondern weil es seine Schützlinge tun. So reist er umher und zieht eine Exorzismus-Show mit Placebo-Effekt ab. Einmal lässt er sich von einer Filmcrew begleiten. Auf einer abgelegenen Farm ist ein junges Mädchen angeblich vom Teufel besessen - und anders als sonst wird Cotton Marcus auf eine Probe gestellt.
Daniel Stamm, Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, greift auf ein bewährtes Konzept zurück: Wie "Blair Witch Project", "Cloverfield" oder "" ist sein Film mit wackelnder Digitalkamera als Dokumentation getarnt. Das funktioniert bravourös, vor allem wegen der überzeugenden Darsteller. Patrick Fabian als religiöser Showmaster mit zynischem Unterton ist eine Offenbarung. Und Ashley Bell als besessene Nell legt dank ihrer Hyperflexibilität eine Körperakrobatik an den Tag, die Computereffekte überflüssig macht. Der Film setzt auch nicht auf krasse Blut- und Ekeleffekte, sondern zielt auf Charaktere.
Diese einzuführen, lässt Stamm sich viel Zeit, um dann in der letzten halben Stunde aufs Gas zu treten. Anders als andere Pseudo-Dokumentaristen setzt er mitunter Filmmusik ein, was ihn ein wenig Spannung kostet. Fürs Genre bietet er nicht viel Neues, Unbedarften wird er aber sicher (un)angenehme Schauer über den Rücken jagen.
Wolfram Hannemann
30.09.2010 - aktualisiert: 30.09.2010 13:23 Uhr