Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 25.11.2010
Habermann
Vieles wirkt nur aufgesetzt
Der erste Film über die Vertreibung der Sudetendeutschen eifert vergeblich "Schindlers Liste" nach
1937: August Habermann, stolzer Besitzer eines in vierter Generation im Familienbesitz befindlichen Mühlen- und Sägewerkes im Sudetenland, heiratet seine Jana. Ein Jahr später fallen die Nazis in dem kleinen tschechischen Dorf ein. Der Deutsche Habermann sieht sich plötzlich mit einem Geflecht aus Hass, Neid und Intrigen konfrontiert.
Laut Presseheft handelt es sich bei Juraj Herz' nach einer wahren Geschichte inszeniertem Drama um den ersten Spielfilm, der sich mit der Vertreibung der Sudetendeutschen befasst. Umso mehr hätte man sich gewünscht, dass er nicht gängigen Klischees verfällt. Leider tut er es, und so wirkt vieles nur aufgesetzt. Das Drehbuch macht aus Obersturmbannführer Koslowski (Ben Becker) einen mit jeder Faser seines Körpers bösen Nazi und aus Habermanns Ehefrau (Hannah Herzsprung) eine Halbjüdin, um die Spannung zu steigern. Und Habermanns kleiner Bruder (talentfrei: Wilson Gonzales Ochsenknecht) wird zum fanatischen Nazi-Anhänger degradiert.
Mark Waschke in der Titelrolle spielt auffallend emotionslos, sogar dann, wenn er mit Koslowski um das Leben von Tschechen feilschen muss. Spätestens hier wird klar, dass der Film die Nähe zu "Schindlers Liste" sucht, dessen Qualität er freilich nie erreicht. Selbst die melodramatische Musik von Elia Cmiral wirkt wie "Schindler"-Musik für Arme. Immerhin verfällt der Film nicht komplett in sensationslüsterne Schwarz-Weiß-Malerei, sondern zeigt Deutsche und Tschechen durchaus differenziert - Gute und Böse gibt es auf beiden Seiten.
Wolfram Hannemann
25.11.2010 - aktualisiert: 25.11.2010 10:53 Uhr