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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 03.02.2011

Picco

Wider das Wegschauen

Ein drastischer Film über Zustände in einem deutschen Jugendknast
 

Ein Jugendknast irgendwo in Deutschland. Kevin kommt als vierter Mann in die überbelegte Zelle. Bald schon wird der "Picco", wie die Knastbrüder den Neuling bezeichnen, mit den grausamen Ritualen, Regeln und Gesetzen der Haftanstalt konfrontiert. Demütigungen, Mobbing und Gewalt beherrschen diesen abgeschotteten Mikrokosmos. Kevin lernt schnell. Anfangs noch das Opfer der grausamen Späße anderer Insassen, wird er bald selbst zum Täter. Doch alles ändert sich, als ein Mithäftling unter seinen Augen brutal vergewaltigt wird. Kevin schweigt. Kurze Zeit später begeht das Vergewaltigungsopfer Suizid - und dem "Picco" kommen Zweifel.

Ungeschminkt und Bezug nehmend auf wahre Begebenheiten schildert Philip Koch in seinem Debütfilm den Alltag in einem deutschen Jugendgefängnis. Kalte, schale Farben dominieren die Optik und vermitteln einen fast dokumentarischen Charakter. Unterstützt wird dieser durch den grandiosen Einsatz der Steadycam-Kamera, die dem Protagonisten ganz dicht auf die Pelle rückt (Bildgestaltung: Markus Eckert). Den sehr agilen Shots stehen immer wieder extrem starre Einstellungen gegenüber, die an die Filme eines Michael Haneke erinnern. Man hört nur, was passiert, sieht es aber nicht. Die Bilder entstehen im Kopf des Zuschauers und wirken dadurch sehr viel nachhaltiger. Leider wird dieses Stilmittel nicht immer optimal eingesetzt, bei einem Dialog zwischen zwei Personen zum Beispiel ist es völlig fehl am Platz. Wenn sich die Akteure einfach unmotiviert aus dem Blickwinkel der Kamera entfernen und sich dabei weiter unterhalten, wirkt dies etwas unbeholfen und dilettantisch. Wenn Kevin allerdings gegen Ende des Films ein unglaubliches Martyrium erleidet, ist man als Zuschauer sehr dankbar für diesen inszenatorischen Kniff.

Was die Darsteller angeht, kann sich Philip Koch auf ein unverbrauchtes Schauspieler-Ensemble verlassen, das seinen Rollen Authentizität und Glaubwürdigkeit verleiht. "Picco" versteht sich als kritisch und nimmt eine Gesellschaft aufs Korn, die trainiert wurde, überall dort wegzuschauen, wo es wehtut. Wahrlich keine leichte Kost.
 

Wolfram Hannemann

03.02.2011 - aktualisiert: 03.02.2011 12:05 Uhr

 


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