Ich hatte einen silbernen Samowar erwartet – stattdessen steht ein weißer Plastik-Wasserkocher auf dem Tisch, und es gibt Beuteltee. Insgeheim hatte ich auf einen weißen Bart spekuliert, doch mein Gegenüber ist glatt rasiert. Auch sonst hat Vladimir Tolstoi, Ururenkel des großen Lew Nikolajewitsch, keinerlei Ähnlichkeit mit seinem legendären Vorfahren: rotblonde Haare, schmale Nase, helle Augen – er entspricht so gar nicht dem Bild, das man sich von einem echten Tolstoi macht.
Doch abgesehen von diesen Details ist auf dem Landgut Jasnaja Poljana noch immer vieles so wie vor 100 Jahren, als Lew Tolstoi nach langem Zwist mit seiner Familie zu seiner letzten Reise aufbrach und das Gut, das er von Kind auf bewohnt hatte, fluchtartig verließ.
Seit 15 Jahren leitet mit Vladimir Tolstoi wieder ein Mitglied der Familie das 200 Kilometer südlich von Moskau gelegene Gut, das inzwischen zum Museum geworden ist. Im ehemaligen Wohnhaus der Tolstois versucht er, alles so zu erhalten, wie es zu Zeiten seines Ururgroßvaters war. "Wer als Tolstoi aufwächst, ist von Kindesbeinen an umgeben vom Mythos dieser Familie", erzählt er bei einem Gespräch in seinem mit Familienfotos vollgestopften Arbeitszimmer. "Das Erste, was ich als Junge zu lesen bekam, waren die Erinnerungen meines Urgroßvaters Ilja und Tolstois Schwägerin Tatjana Kusnitzka." Bis heute, sagt er, finde er dort die Atmosphäre wieder, die die Familie prägt: "Dieser unbedingte Freiheitswille, die Leidenschaft – aber vor allem die Überzeugung, dass sich alle Spannungen, die sich aus solchen Charaktereigenschaften ergeben, mit Liebe und Zärtlichkeit überwinden lassen." Erst gestern Abend, so berichtet Tolstoi, während er nebenbei auf seinem Blackberry E-Mails checkt, habe es Tränen und Tumult beim Whist gegeben, jenem vornehmen englischen Kartenspiel aus dem 19. Jahrhundert, das in der Familie bis heute gepflegt wird. Die Tolstoi'sche Leidenschaft für Whist ist legendär und hat die Familie schon so einiges gekostet. Lew Nikolajewitsch verspielte als junger Mann das stattliche Haupthaus von Jasnaja Poljana. Es wurde Stein für Stein abgetragen, nur die Nebengebäude blieben stehen– der Hauptgrund dafür, dass der Lebensstil Lew Tolstois nicht so prunkvoll war, wie man es von einem Grafen und Großgrundbesitzer zu seiner Zeit hätte erwarten können. Bis heute überraschen die Wohnräume durch ihre bescheidene, sogar spartanische Ausstattung.
Auf den Zustand des alten Gutshauses ist Vladimir Tolstoi stolz. Wer es – vorsorglich ausgestattet mit übergroßen Lederpantoffeln zum Schutz der Holzdielen – betritt, unternimmt eine denkwürdige Zeitreise. Vor allem im Winter: Während sich zu anderen Jahreszeiten oft Besuchermassen durch die Räumlichkeiten schieben, kann man sich nun allein in den eng gestaffelten Zimmerfluchten aufhalten. Die alte Standuhr im Flur tickt noch, an den Sprossenfenstern haben sich Eisblumen gebildet. Alle Bücher stehen so in den Regalen, wie Tolstoi sie sortiert hat, und auf seinem Schreibtisch liegen noch Schreibfedern und der schwere grün-gläserne Briefbeschwerer, den ihm 1901 die Arbeiter einer Moskauer Glasfabrik schenkten – aus Anlass der Exkommunikation des kirchenkritischen Schriftstellers. Und auf dem Esszimmertisch steht dann auch der silberne Samowar, den ich im Büro des Ururenkels vermisst habe.
Tolstois Mitarbeiterin Galina Alexeva führt mich durch die Räume. Der elegant gekleideten Literaturwissenschaftlerin ist das Haus in den 25 Jahren, in denen sie hier arbeitet, zur Welt geworden. Keine Bodendiele, kein Türgriff, der ihr nicht wichtig wäre – 33000 Gegenstände von Interesse sind hier versammelt und katalogisiert. Jeder Quadratzentimeter der Räume ist aufgeladen mit Bedeutung, wobei sich Fiktion und Familiengeschichte eigentümlich vermischen. Die in der Ahnengalerie porträtierten Grafen waren Vorbilder für Gestalten in "Krieg und Frieden", die neueren Gemälde und Fotos zeigen das handelnde Personal des Familiendramas von 1910. "An diese Tür klopfte Lew Nikolajewitsch in der Nacht zum 28. Oktober um 4Uhr morgens, um seine Tochter Alexandra über seine Flucht zu informieren", weiß Alexeva zu berichten – mit ihren Detailkenntnisse malt sie ein lebendiges Bild der damaligen Ereignisse: "Auf diesem Bett erholte sich Tolstois Frau Sofia Andrejewna, nachdem sie am vorigen Tag versucht hatte, sich im Gartenteich zu ertränken."
Der Teich ist zugefroren an diesem Tag – und begraben unter einer dicken Schicht Schnee. Es ist ein strahlend heller Wintertag, der auch viele Besucher aus dem Umland nach Jasnaja Poljana lockt, die mit Tolstoi nicht viel am Hut haben. Für sie ist das weitläufige Anwesen mit seinen Wäldern, Feldern und dem Flüsschen Woronka vor allem ein Naturerlebnis. Sie kommen mit Schneeanzügen und Thermoskannen, gleiten auf Langlaufskiern durch die legendäre Birkenallee, derweil sich die Kinder in strohgepolsterten Pferdeschlitten durch den Schnee entlang der Obstgärten kutschieren lassen.
Doch natürlich gibt es auch an diesem Tag Tolstoi-Pilger aus aller Welt – sie nehmen den Weg in den Wald hinter dem Wohnhaus, in dem das Grab des Dichters liegt. Zwölf rote Nelken auf einer sargförmigen Erhöhung im Schnee, dazu etwas Tannengrün: So schlicht, so dramatisch ist es bezeichnet. Zwei russische Damen in langem Pelz und mit riesigen kastenförmigen Fellmützen bekreuzigen sich vor der Grabplatte, ein Herr mit schwarzer Biberpelzmütze und Aktentasche betrachtet die Szene aus diskretem Abstand. Ich wandere noch ein Stückchen weiter in den Winterwald hinein, den ich mit dem knarzenden Lärm meiner Schneeschritte fülle. Erst als ich in einem riesigen Birkenhain stehen bleibe, umfängt mich Stille. Dann, unmerklich fast, ein leises Flüstern und Knarren, und die dürren Birkenhäupter wiegen sich über mir in einer leichten Brise. Es ist ein zeitloser Moment, wie man ihn wohl nur im tiefen Winter hier erleben kann. Ein Augenblick, in dem man Vladimir Tolstois Bemerkung über die Lebendigkeit und Allgegenwart des Tolstoi'schen Familien-Mythos gut verstehen kann.
Russland
Anreise Günstige Flüge von Stuttgart nach Moskau-Domodedovo gibt es täglich mit swiss (www.swiss.com/web/DE/), allerdings mit Zwischenlandung in Zürich. Direktflüge gibt es täglich ab Frankfurt, z. B. mit Siberian Airlines (www.s7.ru/de/). Für deutsche Staatsangehörige besteht bei Ein- und Ausreise Visumpflicht. Das Visum muss bei der russischen Botschaft eingeholt werden.
Anfahrt Das Staatliche Museum und Landgut Jasnaja Poljana liegt rund 200 Kilometer südlich von Moskau– mit Bus oder Auto ist es in rund drei Stunden erreichbar. In beiden Fällen fährt man über die nahe gelegene Stadt Tula. Die Busse fahren von den Metrostationen Domodedovskaja, Prazhskaja und Ulitza Akademika Jangelja ab. Auf dem Lenin-Prospekt in Tula nimmt man den Kleinbus Nr. 114, 117 oder 280 und fährt bis zur Haltestelle Jasnaja Poljana oder Schkolnaja. Genaue Anfahrtsskizzen gibt es unter www.yasnayapolyana.ru/deutsch/tourism/route/index.htm
Unterkunft Ein Besuch auf Jasnaja Poljana ist als Tagesausflug von Moskau aus machbar. Wem die Fahrerei zu viel wird, kann im Hotel Jasnaja Poljana übernachten, das in der Nähe mitten im Wald liegt – ein ehemaliges Erholungsheim für Funktionäre, etwas antiquiert, aber gemütlich. Ein kleines Restaurant gibt es auch. E-Mail: tour@tolstoy.ru
Museum Landgut und Museum sind dienstags bis sonntags von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Von April bis November ist die Besichtigung nur mit Reiseleitung möglich – von Dezember bis März geht es ruhiger zu, und man kann sich auf eigene Faust ein Bild machen. Wer eine organisierte Tour vorzieht, kann über den Berliner Veranstalter Lernidee Erlebnisreisen einen Besuch buchen: www.lernidee.de, Telefon 030/7860000).
Veranstaltungen Führungen über das Gut finden täglich statt; sie sind auch auf Deutsch buchbar. Außerdem hat das Landgut diverse zusätzliche Angebote im Programm, vom Reitausflug bis zum Russisch-Sprachkurs: www.yasnayapolyana.ru/deutsch/tourism/programs/index.htm