Aufstand in Ägypten, Blizzard in den USA, Blockaden in Bangkok, Überschwemmung in Australien – ach, wen kümmert' s, wenn "hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen", wie schon Goethe meinte, ein halber Kontinent unter Schnee und Eis erstarrt oder irgendwo da unten die Ernte eines ganzen Jahres absäuft?
Das ist alles weit, weit weg, und solange in Zuffenhausen die Heizung anspringt und der Bäcker jeden Morgen frische Vollkornbrötchen parat hat, kann man sich sogar ein bisschen wohlig gruseln über Straßensperren, gekappte Stromleitungen und leer geräumte Supermarktregale in der großen fernen Welt.
Wer aber jemals in einem kleinen Laden in Kairo bei süßem Tee mit einem der vielen Muhammeds, einem überaus freundlichen, überaus witzigen und überaus zähen Mitfünfziger mit schwarzen Zähnen und rasselndem Lachen um eine bunte Decke gefeilscht (und natürlich verloren) hat, verfolgt die Nachrichten mit einem anderen Blick. Für ihn ist die ägyptische Metropole nicht mehr nur Geschichtskulisse, sondern das heiße, lärmende, quirlige und trotzdem ganz unaufgeregte Zuhause Muhammeds – und Tausender anderer Männer, Frauen und Kinder aus echtem Fleisch und Blut. Ob eine Bombe in Madrid, der Flugzeugabsturz in Nepal oder ein Erdrutsch auf Madeira: Ereignen sich Katastrophen an Orten, die wir hautnah erfahren haben, berühren sie uns viel tiefer. Plötzlich dringen Meldungen durch den Filter, der uns normalerweise die Schreckensbotschaften so weit vom Leib hält, dass sie nicht allzu sehr verstören. Dem Reisenden drängt sich die virtuelle Welt der Nachrichten stärker auf.
Hurrikan Yasi rast mit 300 Kilometern pro Stunde über Queensland – ja, wahnsinnig, furchtbar, unglaublich, hoffentlich trifft es die Leute dort nicht allzu hart. Gehören zu "den Leuten dort" freilich auch die Walker-Brüder, Brandon und Lincoln vom Clan der Kubirri Warra, mit denen man in den Mangrovenwäldern Muscheln gesammelt, Krabben ausgebuddelt und Bier getrunken hat, fragt man sich besorgt, wie ihr Haus am Cooya Beach den "Killerzyklon" wohl überstehen wird. Und ob sie in den kommenden Monaten auch noch Gäste finden werden.
Für Reisende hat die Weltkarte weniger weiße Flecken. Und fast alle Ziele sind verknüpft mit der Erinnerung an Gesichter, an die Sprache, das Lachen und die amüsanten oder nervigen Eigenheiten von, sagen wir: Partnern auf Zeit. Damit aber bekommen auch unscheinbare Meldungen, die es oft gar nicht bis in die "Tagesschau" schaffen, ein ganz anderes Gewicht.
Vulkanausbruch am Mount Bromo, im November vergangenen Jahres. "Wegen Aschewolken wurde der Flughafen von Malang im Osten der Insel Java geschlossen. Die Aschesäulen reichten mindestens 700 Meter in die Höhe." Und sofort schält sich aus dem Morgennebel am Mount Bromo das breite Gesicht von Halil. Es war kühl, an diesem frühen Morgen vor zwei Jahren am Mount Bromo. Die Jackenverleiher standen schon Spalier. Halil, klein, stämmig, eine jüngere Ausgabe von Charles Bronson, hatte sich den Deutschen ausgesucht. Aber eineinhalb Euro Leihgebühr für ein Jäckchen, das im Einkauf gerade mal fünf kostet – sag mal, Halil, eine bessere Profitrate findet sich im ganzen Inselreich nicht.
Halil hält Schritt, gestikuliert, nimmt gleichzeitig Maß am Kunden. Und lässt ein ganzes Bündel von Erklärungen auf ihn los: Die Jacken zu waschen, koste schließlich Arbeit. Die Konkurrenz unter den Verleihern sei so groß, dass immer nur jeder zweite oder dritte zum Zuge käme. Bald beginne wieder die Regenzeit, dann blieben die Touristen ganz aus. Und außerdem wisse man nie, mit diesem Vulkan, wie lange das Geschäft überhaupt ... Halil war überzeugend. Die Kälte biss. Und die Jacke roch nur wenig.
Wie gerade modelliert stiegen die Kegel der Vulkane aus dem zehn Kilometer breiten Tengger-Kessel empor: Batok mit seinen grünen Rippen neben dem fahlen Bromo, dahinter Semeru, mit 3670 Metern der höchste Berg Javas, der in längeren Abständen eine Wolke auspaffte, die sich aufballte wie ein riesiger Pilz. Durch schwarzen Sand führte der Weg zum Bromo, und dann noch mal 250 Stufen hoch zum Kraterrand. Es stank nach Schwefel, graue Dampfschwaden jagten in der Tiefe, rissen manchmal auf und gaben für Sekunden den Blick frei auf weißgelb verkrustete Felsen und einen zerklüfteten Abgrund.
Junge Männer verkauften Sträuße aus malaiischem Edelweiß, das an Schleierkraut erinnert. 50000 Rupias, etwa vier Euro, kostete es, ein Bündel in den Schlund zu schleudern, um die Götter tief unten milde zu stimmen. Die Jugendlichen kamen aus dem nächsten Dorf. Manchmal, gestand Gunung augenzwinkernd, könne man so einen Strauß noch mal verwenden, wenn er auf dem steilen Abhang hängen geblieben sei. Aber der hier sei absolut frisch, selbst gepflückt gestern Nachmittag, und Respekt schulde dem Vulkan schließlich jeder, ob Javaner oder Ausländer. Und jetzt, zwei Jahre später, stand also eine 700 Meter hohe Aschesäule darüber. Halil, Gunung, Brandon, Lincoln, Muhammed – alles gut bei euch? Hoffentlich!