Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 01.06.2011
Wir sind was wir sind
Diskriminierte Kannibalen
Kannibalen haben es schwer. Ganz versteckt lebt die Familie in einem Ghetto, mit dem Reparieren von Uhren versucht sich der Vater über Wasser zu halten. Ihm obliegt auch die Versorgung seiner fünfköpfigen Familie - mit menschlichem Fleisch. Als er eines Tages von der Nahrungsbeschaffung nicht mehr heimkehrt, ist die Not groß. Der ältere Sohn soll jetzt in die Fußstapfen des Vaters treten. Das aber ist nicht so einfach.
Jorge Michael Graus Film gibt sich nur vordergründig als Horrorfilm, dessen teils krasse Stilmittel er verwendet, um seine Gesellschaftskritik zu verpacken. Stellvertretend für alle gesellschaftlichen Randgruppen zeigt er am Beispiel der Kannibalenfamilie, dass nicht einmal deren extreme Überlebensstrategien ausreichen, um in der heutigen Welt zu bestehen.
Eindringlicher als in seiner Eröffnungsszene könnte der Film den Umgang der Gesellschaft mit Randgruppen kaum formulieren: Da sieht man den verwahrlosten Vater in einer noblen Einkaufsmeile verzweifelt nach Nahrung suchen. Er fällt, erbricht sich und bleibt am Boden liegen. Sekunden später zerren ihn Sanitäter weg. Blitzschnell macht ein Reinigungstrupp den Boden sauber. Und schon flanieren wieder gut situierte Kunden über die spiegelnden Fliesen.
Wolfram Hannemann
01.06.2011 - aktualisiert: 01.06.2011 13:17 Uhr