Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 01.12.2011
Jane Eyre
Sinnliche Sprache bekommt Bilder
Aufwühlend bis zum großen Finale: Eine inhaltlich wie visuell gelungene Interpretation von Charlotte Brontës Klassiker
Kaum ein literarisches Werk wurde so oft verfilmt wie "Jane Eyre" von Charlotte Brontë (1816-1855), angefangen mit Kurt Bernhardts Stummfilmfassung aus dem Jahr 1926 über den Spielfilm von Robert Stevenson ("Die Waise von Lowood", 1944) bis hin zu Franko Zeffirellis Version mit William Hurt und Charlotte Gainsbourg aus dem Jahr 1995 - sie alle und noch einige mehr zeigen ihre Version des beliebten Klassikers. Zuletzt hat die BBC "Jane Eyre" 2006 verfilmt.
Nun hat sich US-Jungregisseur Cary Joji Fukunaga an den Stoff gewagt. Eine erstaunliche Wahl, denn sein erster Langspielfilm "Sin Nombre", mit dem er auf dem Sundance-Filmfestival 2009 den Regiepreis gewann, scheint gar nichts mit Janes Lebensgeschichte zu tun zu haben. Mitnichten, erklärte er unlängst in einem Interview: Der eine Film beleuchte das Seelenleben eines mexikanischen Gangsters, und auch bei Jane stünden die großen Gefühle im Fokus, wenn auch von anderer Qualität.
"Jane Eyre" erzählt die Lebensgeschichte der angeblich unattraktiven, aber recht klugen und leidenschaftlichen Titelheldin. Ihre Kindheit ist hart, als Waise lebt sie zunächst bei der unfreundlichen Verwandtschaft, dann in einem trostlosen Mädcheninternat. Als junge Frau nimmt sie eine Stelle als Gouvernante an und verliebt sich in ihren Arbeitgeber, den finsteren, geheimnisvollen Gutsherrn Edward Rochester. Doch die Standesgrenzen, ihre Mittellosigkeit und sein Reichtum, sprechen gegen eine Verbindung, obwohl beide eine Seelenverwandtschaft empfinden. Bald überschlagen sich die Ereignisse. Romantischer, leidenschaftlicher, tragischer und mitunter auch gespenstischer kann ein Stoff kaum sein.
In "Jane Eyre" nur eine Romanze mit Gänsehauteffekt zu sehen wird diesem vielschichtigen Buch aber nicht gerecht. Wie in kaum einem anderen Roman des 19. Jahrhunderts offenbart sich hier die Situation der Frauen in dieser Zeit, wenn auch zwischen den Zeilen. Was Jane Austen einige Jahrzehnte zuvor humorvoll mit Werken wie "Stolz und Vorurteil" kommentierte, beschreibt Brontë melancholisch, fast erbittert. Die Möglichkeiten waren eingeschränkt, Frauen konnten heiraten, in Stellung gehen oder Nonne werden - es sei denn, sie waren reich. Jane indes begehrt auf gegen Ungerechtigkeit, Autoritäten und Konventionen. Überdies birgt die Geschichte einen mysteriösen Nebencharakter, den viele Feministinnen als Symbol schlechthin für die Unterdrückung der Frauen in jener Zeit gedeutet haben - Jean Rhys hat dieser Figur mit ihrem Roman "Wide Sargasso Sea" sogar eine eigene Geschichte gewidmet.
Dieser Aspekt freilich hat Regisseur Fukunaga und die Produzenten, die das Projekt auf den Weg gebracht haben, weniger interessiert. Fukunaga setzt auf die dunkle, sinnliche, poetische und extrem leidenschaftliche Sprache Brontës, er gibt ihr Bilder und erschafft im Film eine Atmosphäre, die dem Geist des Buches gerecht wird. Dabei hat er die Hauptdarsteller Mia Wasikowska und Michael Fassbender exzellent ausgewählt, sie sind wie geschaffen, starke Gefühle wie Trauer, Verzweiflung, Glück und Begehren mit zurückhaltender, aber ausdrucksstarker Mimik zu vermitteln.
Zudem hat Drehbuchautorin Moira Buffini Erstaunliches geleistet und dieses umfassende, vielschichtige Werk elegant auf die notwendigsten Szenen und Dialoge reduziert. Außerdem hat sie eine Rahmenhandlung geschaffen, die im Buch nahezu am Ende verortet ist: Der Film beginnt mit einer nachts durch eine unwirtliche, einsame Landschaft stolpernden Jane, die schließlich erschöpft zusammenbricht. Sie wird gefunden und im Haus eines Pfarrers und seiner Schwestern aufgenommen. Jane bleibt gegenüber ihren Wohltätern stumm, doch ihre Erinnerungen holen sie unerbittlich ein. So setzt sich ihr Leben wie ein Puzzle zusammen - aufwühlend bis zum großen Finale.
Eva Maria Schlosser
01.12.2011 - aktualisiert: 01.12.2011 10:28 Uhr