Winfried Bonengel ist als Dokumentarfilmer bekannt geworden. Mit "Führer Ex" läuft jetzt der erste Spielfilm des in Frankreich lebenden Regisseurs in den Kinos.
Herr Bonengel, nach den Dokumentarfilmen über Neonazis nun ein Spielfilm - was fasziniert Sie an dem Thema?
In "Führer Ex" geht es vor allem um Freundschaft. Der Film zeigt die Entwicklung von Leuten in der DDR, die sehr anarchistisch sind, zur Punkszene gehören und schließlich zu Neonazis werden, weil ihnen eine abartige Demütigung zugefügt wurde. Es geht um die Perversion des Opfers, das zum Täter wird. Die Geschichte basiert auf dem Leben des Ex-Neonazis Ingo Hasselbach. Er ist ein sehr spannender Charakter: extrem sensibel und verletzlich sowie extrem gewaltbereit. Als er mir vor zehn Jahren seine Erlebnisse erzählte, dachte ich, das ist so unglaublich, darüber muss ich einen Film machen. Aber nun ist Schluss mit diesem Thema. Ich bin so lange dabei geblieben, bis ich alles, was ich für wichtig halte, ausgeschöpft hatte.
Wie authentisch ist der Film?60 Prozent der Dinge sind Hasselbach und seinen Freunden passiert. Ich habe deren Erlebnisse auf zwei, drei Personen reduziert. Die Gefängnisszenen sind komplett authentisch. Zwei ehemalige Knastinsassen standen mir als Berater zur Verfügung. Es gibt keine Handlung, die sich nicht belegen ließe. Auch die Szenen in Berlin sind 1:1 nachgestellt. Das Haus der Neonazis gab es tatsächlich. Mehr Realismus kann man nicht verlangen.
Was interessiert Sie mehr - Dokumentar- oder Spielfilme?Im Prinzip ist die Aufgabe dieselbe: Man muss den Leuten die Angst vor der Kamera nehmen und dafür sorgen, dass sie sich so natürlich wie möglich verhalten. Der grundlegende Unterschied ist allerdings, dass man in der Fiktion dem Lebensgefühl der Figuren besser gerecht werden kann. In einer Dokumentation reden die Leute zum Beispiel nur über ihre Zeit als Punks Ende der 80er Jahre - das ist nicht so stark, wie wenn man in Bildern zeigt, wie es tatsächlich war, wenn man diese Welt komplett nachbaut. Ich bin mehr an Emotionen als an politischen Dingen interessiert. Deshalb ist der Spielfilm interessanter für mich.
Was kommt als Nächstes?Eine Liebesgeschichte. Das Gegenteil von "Führer Ex", eine Hymne ans Leben, sehr positiv - um Freundschaften, Liebe und Träume.
Sie wohnen in Frankreich, dort hat die Filmwirtschaft einen ganz anderen Stellenwert. Wie beurteilen Sie die deutsche Filmszene?Der Nachwuchs sprudelt vor Ideen. Das Problem ist, dass es zu wenig Produzenten gibt, die diese Talente richtig fördern. Die wenigsten haben eine Vision, sie sind nur an den Einspielergebnissen interessiert. Gerne werden Absolventen von den Filmschulen genommen, weil man ihnen von vornherein jede Entfaltungsmöglichkeit nehmen kann. In Frankreich lassen Produzenten witzige Leute für wenig Geld einfach machen. Bei uns reden tausend Menschen mit. Weil jede Minute Fernsehen heiß umkämpft ist, machen sie tierische Kompromisse. So wird die Grundidee eines Films dreimal weich gekocht. Die Bereitschaft, eine hohe Summe zu investieren, ist sehr gering. Wenn alle Schaltjahre doch mal einen Film für 20 Millionen gedreht wird, warten alle darauf, dass er floppt. Dadurch bleibt die Struktur sehr provinziell. In Frankreich werden Filme für 60 Millionen Euro gedreht - wie in Amerika.