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Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten

Zweifel an einer großen Liebe

Bowling For Columbine
 

Amerikaner und Schusswaffen verbindet eine alte Liebe. Das Recht der Bürger, Waffen zu tragen, wurde 1791 zum Grundrecht, nachdem man die Briten vertrieben hatte. Im Wilden Westen nutzten die Siedler Revolver und Gewehr gegen Banditen und unkooperative Indianer, die ihr Land nicht hergeben wollten. Bis heute gilt die Verteidigung von Haus und Familie als Generalargument für die Freiheit, sich zu bewaffnen.

Nun aber formiert sich eine Opposition. Amokläufe von Schülern wie an der Columbine High School in Littleton haben die Menschen aufgeschreckt. Der Dokumentarfilmer Michael Moore hat das Thema aufgegriffen. Seine Grundfrage: Wieso werden in den USA jährlich mehr als 10 000 Menschen erschossen, in anderen westlichen Ländern aber nur wenige hundert?

Moore hat Schauplätze wie Littleton besucht, gängige Argumente analysiert und Opfer, Täter, Politiker, Verkäufer und Angehörige befragt. Männer einer Bürgerwehr, die gerne mit Sturmgewehren im Wald herumballern, sprechen von "Vaterlandspflicht". Der Schockrocker Marilyn Manson, regelmäßig als Anstifter jugendlicher Gewalt gebrandmarkt, sieht sich als Sündenbock für jene, die am Waffenverkauf verdienen. Was er zu den Hinterbliebenen der Opfer sagen würde? "Nichts. Ich würde zuhören, das hat sonst niemand getan."

Ein Besuch in Kanada, wo die Zahl der Toten trotz ähnlich hoher Waffendichte viel niedriger liegt, bringt Moore auf eine Spur: Kanadier haben keine Angst. Sie schließen weder ihre Häuser noch ihre Autos ab. Die Amerikaner hingegen fürchten Mord und Totschlag, schließen sich ein, schotten sich ab. "Der Film handelt von unserer Kultur der Angst und wie unsere Angst uns zu Gewaltakten auf häuslicher und internationaler Ebene führt", sagt Moore, der bekennender Waffengegner ist und in seinen Schlussfolgerungen keinen Hehl daraus macht. Trotzdem ist es ihm gelungen, die Position des überheblichen, moralischen Besserwissers zu vermeiden. Die Hauptarbeit leisten die Waffennarren selbst.

Moore besucht den greisen Hollywoodstar Charlton Heston, Sprachrohr der Waffenlobby NRA. Diese hielt in Littleton kurz nach dem Massaker eine Kundgebung ab, Protesten der Trauernden zum Trotz. Hätte man den Termin absagen müssen? Dem sonst so wortgewaltigen Heston verschlägt es förmlich die Sprache, als er merkt, dass seine Ausflüchte wie Platituden klingen. Wortlos steht er auf und geht. Als der Regisseur ihm nacheilt, um ihm das Foto einer erschossenen Sechsjährigen zu zeigen, möchte er sich nicht einmal mehr umdrehen.

Moore stellt das Porträt vor Hestons Haustür, und die Einstellung gerinnt zum Symbol: Zum Stich ins amerikanische Herz, zum Keim des Zweifels an einer jahrhundertealten Liebe.
 

Bernd Haasis

21.11.2002 - aktualisiert: 28.01.2003 16:27 Uhr

 



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