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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.10.2001

Filmkritik der Stuttgarter Nachrichten

Planet der Affen

Fortschritt ist gut - wozu darüber nachdenken?
 

Affen sind die ausdrucksstärkeren Wesen. Zumindest die auf jenem Planeten, den "Batman"-Regisseur Tim Burton erneut besucht hat, um Franklin J. Schaffners Filmklassiker von 1968 ein neues Gesicht zu geben. Kein Wunder: Unter den Affen-Masken und haarigen Kostümen stecken Charakterdarsteller wie Tim Roth und Helena Bonham-Carter ("Fight Club").

Diese haben die affige Körpersprache eingehend studiert. Trotz des Verkleidungshandicaps sind Verhalten und Mimik ihrer Figuren geprägt vom schmerzhaften Widerspruch zwischen animalischer Realität und Zivilisation. Diese Affen parlieren bei Tisch, aber sie knurren, gurren, prusten und fauchen doch, wie reale Primaten es tun.

Die auftretenden Menschen hören bürgerlich auf Namen wie Mark Wahlberg (hübscher Held, von Charisma unbelastet) oder Estella Warren (blond gewelltes Ex-Model mit Wunderbusen). Das Wort Schauspiel kann bei beiden getrost ungenutzt bleiben.

Das ist nicht die einzige Schieflage in Burtons Film - noch gravierender sind Glättungen am Plot. Im Original haben die Affen nach einer von Menschen gemachten Katastrophe das Regiment übernommen, Oberaffen preisen den Primaten als höchstes Wesen. Dass der Mensch einst weiter entwickelt war, verheimlichen sie, um dessen Verfolgung rechtfertigen zu können. In Wahrheit haben sie Angst vor einer neuerlichen menschlichen Katastrophe.

Diese ethische Zwickmühle macht den Reiz des Filmes aus, in dem ein nassforscher Charlton Heston mit dem Gewehr im Anschlag den Affen die Neandertaler-Stirn bietet und zwei Affen-Wissenschaftler zu Ketzern erklärt werden, weil sie Beweise für die Wahrheit nicht zurückhalten wollen.

Anders im aktuellen Skript. Ein Forschungsraumschiff, auf dem mit Affen experimentiert wurde, stürzt auf einen Planeten. Dort werden die vergnügten Primaten plötzlich aggressive Monster und zerschlagen die geistig und technisch weit überlegene menschliche Crew. Als viel später ein Astronaut (Wahlberg), der in einem Zeitstrudel festsaß, auf dem Planet landet, haben die Tiere eine Art antike Affen-Polis mit starkem Militär errichtet.

Die Angst vor der Unberechenbarkeit des Menschen wurde also ersetzt durch die unberechenbare Aggression des Affen; die Wissenschaftler wurden mangels Forschungsziel ersetzt durch eine auf Ausgleich bedachte Schöpfungssympathisantin, eine rebellische Hippie-Äffin (Bonham-Carter), die diffuses Mitgefühl umtreibt; der Mensch wird nicht verfolgt, um die Affen vor seiner Zerstörungswut zu schützen, sondern aus reiner Machtgier. Diese verkörpert der grundböse Affen-General Thad (Roth). Der menschliche Fortschritt aber ist gut und segensreich - wozu also darüber nachdenken?

Es bleibt Burtons mächtige Fassade. Ein finsteres Affen-Disneyland, in dem Jungprimaten Basketball spielen. Im Vergleich zur schlichten Kulisse des Originals, die den visionären Charme der Architektur der 60er Jahre atmete, reiner Fantasy-Bombast - ein Triumph der Verpackung über den Inhalt.

Überzeugende Dramatik liefert die Musik von Danny Elfman. Paranoid, bedrohlich und unheilvoll sorgt sie im Verbund mit den Lauten der Affen für Spannung im Fassadenspektakel. Den Absturz am Schluss kann aber auch sie nicht verhindern: Im glücklichsten Fall planen die Produzenten eine Fortsetzung - dann aber hätten sie einfach ganz dreist den Kniff aus "Zurück in die Zukunft" geklaut.
 

Bernd Haasis

18.10.2001 - aktualisiert: 28.01.2003 18:32 Uhr

 


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