Keine Experimente, keine alkoholischen Getränke, aber dafür zivile Preise: und dazu ist im Herbert`z auch noch jeder Gast willkommen.
Der Stil: Das Herbert’z ist ein sympathisches Sammelsurium betagter Liebhaberstücke: jahrzehntealte Kaffeemühlen, eine ausgediente Parkuhr, geblümtes Porzellangeschirr, eine Ladenkasse von anno dazumal und gerahmte Schwarzweiß-Fotografien, auf denen Picasso lächelt oder Kaffee dampft. Der Zucker versteckt sich in hübschen Blechdosen, und von oben blickt eine beinah kitschige Madonnenstatue auf die kupferfarbene Kaffeemaschine herab. Auf dem Holzboden stehen einige hoch gewachsene Tische, um die sich weder Stühle noch Hocker ranken. Die (Pop-)Musik aus den Lautsprechern dudelt leise und angenehm unaufdringlich. Und als Lektüre liegt der "Spiegel" aus.
Der Macher heißt Herbert Okolowski und nimmt gerne die Schuld auf sich, dass die Stuttgarter irgendwann erfahren haben, wie köstlich Espresso, Latte und Melange schmecken. Vor elf Jahren hat sich der 47-Jährige das Ziel gesteckt, Kaffeekultur in die Landeshauptstadt zu bringen und zu zeigen, dass ein guter Barista (Barliebhaber) nicht Italiener sein muss. Von der Kaffeetheke in der Bäckerei wollte er sich verabschieden, um das Erlebnis Kaffee in ein kurzweiliges, aber schöneres Ambiente zu setzen.
Das Publikum trägt Jeansrock, Batikhose oder Aktentasche, ist 25 bis 50 Jahre alt. "Hier ist jeder willkommen, der Mann, der auf der Straße lebt, und der höchste Politiker", sagt Okolowski. Sie alle besuchen die Espressobar, um an ihrem flüchtigen Charakter teilzuhaben: "Die Leute kommen, treffen sich, lernen sich kennen, gehen." Der Chef selbst befasst sich intensiv mit dem Thema Kaffee und vermittelt regelmäßig in Seminaren und Vorträgen die Lebensart, die mit dem Getränk verbunden ist.
Die Drinks sind heiß und duftend. Der starke Espresso, der cremige Milchkaffee, die leckere Latte Macchiato und der schaumig-leichte Cappuccino; was den Weg in die Tasse oder ins Glas findet, ist aus Bohnen, die frisch aus einer Rösterei in Schorndorf kommen, liebevoll zubereitet. Geschmackliche Experimente gibt es nicht: Kein Vanille-Kaffee oder Cappuccino mit Nuss, auch keine alkoholischen Getränke; dafür verschiedene Tees und die ganze Palette an Softdrinks. An der Theke gesellen sich bunt belegte Brötchen zu köstlich zarten Schoko-Croissants im Miniformat.
Die Preise schonen den Geldbeutel. Ein kleiner Kaffee kostet 1,80 Euro, genauso wie ein Riesenbecher lose gebrühter Kräutertee. Die Latte ist für 2,20 Euro zu haben, ein großer Milchkaffee für 2,70 Euro. San Pellegrino, Orangina und Cola gibt’s in Fläschchen direkt aus dem SB-Kühlschrank von 95 Cent an. Zum Frühstück wird ein Cappuccino samt Butterbrezel für 3 Euro serviert, mittags kommen gebratene Maultaschen, Pasta oder Eintöpfe für um die fünf Euro auf den Teller.
Der Weg: Das Eckhaus mit den Rundbogenfenstern im Stuttgarter Süden ist leicht zu finden. Bus- und Bahnfahrer nehmen die Linien U 1 oder U 14 bis zum Österreichischen Platz, gehen dann stadtauswärts und marschieren die steile Immenhofer Straße hoch. Wer mit dem Auto kommt, findet mit Glück einen Stellplatz im Viertel, die nächsten Parkhäuser befinden sich beim Österreichischen Platz.
Carolin Leins, Stuttgarter Zeitung vom 09.09.2003