Im Klassiker aus dem Jahr 1962 war Frank Sinatra noch als Veteran des Korea-Kriegs zum Opfer kommunistischer Gehirnwäsche geworden. Jonathan Demmes jetzt in den Kinos zu sehendes Remake "The Manchurian Candidate" ersetzt die Paranoia der Kalten Krieger durch die innere Bedrohung und die perfide Verschwörung eines amerikanischen Großkonzerns. Meryl Streep, zweimalige Oscar-Gewinnerin und 13-mal für die höchste Filmtrophäe nominiert, spielt die Mutter eines US-Senators, die ihren Sohn Raymond Shaw (Liev Schreiber) zum Kriegshelden und Vizepräsidenten aufbaut. Konterkariert wird dieser Weg durch die Erinnerungen des Majors Ben Marco (Denzel Washington), der im ersten Golfkrieg zusammen mit Shaw einen selbstmörderischen Einsatz überlebte.
Frau Streep, an wen dachten Sie bei Ihrer Darstellung einer ehrgeizigen US-Politikerin - an Hillary Clinton oder gar an Margaret Thatcher?
Weder noch. Ich hätte gerne weibliche Vorbilder für die Rolle gehabt, konnte aber kaum Senatorinnen in den USA finden. Daher habe ich vor allem das Verhalten und Aussehen männlicher Politiker studiert. Die brauchen ihren Ehrgeiz nicht so zu maskieren. In meiner Rolle wollte ich so sein wie sie - skrupellos und gnadenlos direkt. Natürlich habe ich auch weibliche Politiker beobachtet und dabei ihren immer gleichen konservativen Stil entdeckt - sie kleiden sich in pastellfarbenen Kostümen, wollen auf keinen Fall aggressive Farben verwenden und bloß kein Schwarz. Bei den Accessoires gibt es eine Art heilige Dreieinigkeit: Kette, Brosche und Ohrringe.
Welche äußerlichen Extravaganzen darf sich eine Politikerin auf keinen Fall leisten?Eine Senatorin würde als Politikerin nie ernst genommen, wenn sie lange Ohrringe tragen würde wie ich heute. Auf die meisten Menschen wirken weibliche Führungspersönlichkeiten schon verstörend genug, aber wenn sie sich dazu noch sexy anziehen und Ohrringe herumbaumeln lassen - das könnten die wenigsten verkraften. Oh mein Gott, der Staat ist in Gefahr! Und bloß kein Dekolleté zeigen! Mächtige Frauen müssen in ihrem Auftreten extrem vorsichtig sein. Selbst eine unabhängige und originelle Frau wie Hillary Clinton muss die "Uniform" tragen.
Wollten Sie die Senatorin Eleonor Shaw mit ausgesuchter Bosheit spielen?Nein, ich finde sie beinahe naiv, weil sie sich von mütterlichen Gefühlen verleiten lässt. Sie will ihrem Sohn mit allen Mitteln den Weg ins Weiße Haus ebnen. Dass im Film Chips implantiert werden, um die Menschen besser zu manipulieren, wirkt unglaublich. Aber unsere Kinder werden solche Dinge erleben. Diese Chips werden dazu dienen, die Parkinsonsche Krankheit zu besiegen oder Schizophrenen zu helfen, sich von inneren Stimmen zu befreien. Daher ist der Film keine Science-Fiction.
Sie halten Ihre linken Ansichten nie zurück. Hätten Sie sich eine klarere Attacke auf die Republikaner und Präsident Bush gewünscht?Man macht es sich zu leicht, wenn man die Republikaner zu Bösewichten erklärt. Natürlich sehnen wir uns alle nach einfachen Antworten auf komplexe Zustände. Aber die Wahrheit ist eben immer komplizierter. Beide amerikanischen Parteien und beinahe alle Regierungen der "zivilisierten" Welt werden von dem unglaublichen Einfluss des Geldes untergraben. Keine Regierung lässt sich nicht auf die eine oder andere Art von einer Gegenmacht korrumpieren. Nicht nur globale Großkonzerne wollen ihre Interessen vertreten. Alle schwerreichen Menschen oder Unternehmen stoßen bei Gouverneuren, Premierministern und Präsidenten dieser Welt immer auf ein offenes Ohr. In jeder beliebigen Kultur und Gesellschaft können Sie ähnliche Mechanismen entdecken. Einige Länder betreiben diese Mischung aus Politik und Geschäft ein wenig offensichtlicher als andere.
Wählen Sie Rollen wie diese auch in Hinblick auf Ihre politischen Überzeugungen aus?Nein, ich will mich von einer Rolle herausgefordert fühlen. Eine Figur wie die Senatorin in "Manchurian" hat es bisher kaum im Kino gegeben. Da muss man schon bis zu Angela Lansbury in der Originalfassung von "The Manchurian Candidate" zurückgehen - oder bis in die 40er Jahre, als es noch wirklich perfide Manipulatorinnen gab. Ich fand diese Figur aufregend. Eine geradlinige Ideologin, eine Art Lokomotive, die die ganze Partei hinter sich herschleift. Einfach unwiderstehlich! In einem der üblichen Thriller wäre ich völlig fehl am Platz. Viele Menschen werden den Film nur oberflächlich auf der politischen Ebene wahrnehmen, aber sie sollten genauer hinsehen und dabei entdecken, wie tief er nach den düstersten menschlichen Impulsen gräbt.
Wird es eines Tages eine amerikanische Präsidentin geben?Keiner scheint weibliche Regierungschefs zu ertragen. Viele Menschen können nicht damit umgehen, wissen nicht, wie sie etwa dem Mann einer Präsidentin gegenübertreten können. Frauen in Machtpositionen bringen unser gewohntes Gleichgewicht ins Wanken.
Was macht weibliche Führungspersönlichkeiten so bedrohlich?Obwohl ich Freud nie gelesen habe, hätte er sicher eine Erklärung parat. Es geht um die Furcht vor der Mutter.
Im Film ruft Ihre Figur gleichwohl: "Wo sind die Männer?"Es gibt eben Dinge, um die sich selbst eine so selbstständige Frau wie sie nicht kümmern kann. Sie ärgert es, in gewissen Dingen immer noch auf die Männer angewiesen zu sein.
Wie schwer ist es, eine Figur zu spielen, die keine Zweifel kennt?Das war eine Herausforderung, denn als Schauspieler will man eher zerbrechliche, widersprüchliche Seiten zeigen. Ich selbst zweifle an allem! Ich denke über alles zweimal nach. Wenn ich jetzt etwas erzähle, fällt mir dazu sofort eine Ausnahme ein. Ich fand es interessant, eine unglaublich selbstsichere Frau zu spielen. Es gibt eine Menge von ihnen. Menschen, die einfach keine anderen Meinungen hören wollen.
Als eine der besten Schauspielerinnen der Welt wurden Sie oft ausgezeichnet ...
... und habe doch nie das Gefühl, dass ich als Schauspielerin schon etwas bewiesen habe. Meine Arbeit ist ein ewiges Experiment, bei der es keine Gewissheiten und Sicherheiten gibt. Ich hangle mich von Etappe zu Etappe. Ich atme tief durch, bevor es dann weitergeht. Jeder Künstler kennt diese Befürchtung, diese Unsicherheit.
Können Sie als Mutter von vier Kindern verstehen, dass man seinem Nachwuchs mit allen Mitteln zum Erfolg verhelfen will?Ich würde meine Kinder nie manipulieren oder zum Erfolg abrichten. Wir haben in den USA Medikamente, die Kinder bei Prüfungen leistungsfähiger und mutiger machen. Viele schlaue, gutherzige und wohlerzogene Eltern sagen sich: Okay, ich werde sie meinem Kind nicht für den Rest seines Lebens geben, aber wir würden es doch so gerne sehen, dass es die Aufnahmeprüfung für Havard schafft! Aus guten Absichten heraus tun die Menschen die verrücktesten Dinge. Okay, das reicht - wir sehen uns an der Bar!