Sie leben und arbeiten zusammen, und ihr neuer Film "Schau mich an!" (in Stuttgart von Donnerstag an im Atelier am Bollwerk zu sehen) ist in Frankreich als europäisches Kinowunder gefeiert worden. Wir sprachen mit Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri über das Anderssein, Einsamkeit, Schönheit und Machtspiele.
Frau Jaoui, warum handeln Ihre Filme und Drehbücher oft von den Bildern und Klischees, die man sich von seinen Mitmenschen machen will ?
Jaoui: "Schau mich an!" ist ein wenig autobiografisch. Ich hatte keine unglückliche Kindheit, aber so wie Lolita (Marilou Berry) gegen das Diktat der Schönheit kämpft, litt ich darunter, immer "anders" zu sein. Ich hatte Mitleid mit den Obdachlosen ... und mit mir selbst. Mein Vater hat mich für die Kunst interessiert. Aber er war genauso egozentrisch wie der von Jean-Pierre Bacri gespielte Verleger im Film. Und da auch meine Mutter ein starke Persönlichkeit war, musste ich in dieser Familie um meinen Platz kämpfen. Mittlerweile bin ich Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin, aber ich will mich auf keine Rolle festlegen lassen.
Wie wichtig ist Ihnen Ihre Freiheit?Bacri: Ich habe kein Auto, kein Haus, keinen Hund, keine Frau und kein Kind. Ich bin frei, weil ich mich frei mache. Ich will kein Haus kaufen und mich dann ärgern, wenn das Dach undicht ist. Wenn mich etwas einschränkt, sage ich einfach Nein. Als 20-Jähriger habe ich in einer Bank in Cannes gearbeitet - jeden Tag im Anzug und frisch rasiert. Das hat mich völlig traumatisiert. Nie wieder! Ich bin mit einem Freund nach Paris gekommen, bin Schauspieler geworden. Für mich ist der freieste Mensch auf Erden Musils "Mann ohne Eigenschaften": Ulrich ist ein wahrer Held für mich.
Wer war Ihre erste Heldin ?Jaoui: Nicht besonders originell - Anne Frank.
Ihr Film spielt im literarischen Milieu, aber hatten Sie beim Schreiben eher die Filmwelt vor Augen?Jaoui: Natürlich kennen wir die Mechanismen der Macht in der Filmindustrie am besten, aber eigentlich sind sie in allen Berufsgruppen ähnlich. Jeder leidet unter seinem Chef - egal ob er bei der Post, auf der Behörde oder in der freien Wirtschaft arbeitet. Wir haben einen künstlerischen Beruf für den Film gewählt, weil man als Künstler plötzlich erfolgreich werden kann und dann über Nacht einen ganz anderen Status hat. Diese radikalen Aufstiegsmöglichkeiten helfen mir also, in einem Film bestimmte gesellschaftliche Phänomene zu beschreiben, das ewige Spiel mit der Macht eben.
Bacri: Das Spiel von oben und unten, von Dominanz und Unterwerfung. Nicht alle Menschen lassen sich darauf ein. Ursprünglich wollten wir den Film "Die guten Gründe" nennen. Denn die Menschen finden immer gute Gründe, um sich zu unterwerfen oder um ihre Macht zu missbrauchen.
Welches gesellschaftliche Thema beschäftigt Sie am stärksten?Jaoui: Ich leide unter gesellschaftlichen Barrieren. Daher drehen sich meine Filme auch um die Ausgrenzung. Ich will hinter die gesellschaftlichen Masken sehen und dort die Vielschichtigkeit, aber auch die Einsamkeit eines Menschen entdecken. Natürlich ist es beruhigender, bestimmten Regeln zu folgen, durchschnittlich viel zu wiegen, Kinder zum richtigen Zeitpunkt zu bekommen und eine Religion zu haben. Aber mich berühren eher Menschen, die niemandem ähneln, eben anders sind.
Sie leben und arbeiten als Paar zusammen. Wie ergänzen Sie sich?Bacri: Ich rede nie von unserem Privatleben oder unserer Beziehung, aber wir schreiben seit mehr als 15 Jahren zusammen Stücke und Drehbücher, weil wir eine bestimmte Sicht auf das Leben teilen.
Jaoui: Jean-Pierre ist es egal, ob er den Menschen gefällt. Einige finden das nervig, andere wieder sind davon fasziniert. Er hat mir gezeigt, dass man auch in diesem Beruf als Schauspieler integer bleiben kann.
Sie engagieren sich zusammen mit Agnès Jaoui für soziale Themen, aber Sie spielen oft intolerante Egozentriker ...Bacri: Ich kann untolerante Fieslinge spielen, weil die Zuschauer hoffentlich den Unterschied zwischen der Rolle und mir erkennen. Ich kämpfe für die Toleranz, aber intoleranten Menschen gegenüber kenne ich keine Gnade. Wenn mir jemand mit einem Baseballschläger vor der Nase rumfuchtelt, habe ich meine Toleranz ganz schnell vergessen. Tolerant sein, heißt für mich, die Unterschiede der anderen zu akzeptieren - es heißt nicht, alles über sich ergehen zu lassen.