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Interview

Der Regisseur Wong Kar-Wai über seine Figuren

"Man macht vielleicht immer den gleichen Film"
 

Wong Kar-Wai, 1958 in Schanghai geboren und in Hongkong aufgewachsen, hat 1980 beim Fernsehen angefangen. In den Neunzigern eroberte er mit Filmen wie "Chungking Express", "Happy Together" und "In The Mood For Love" die großen Filmfestivals. Thomas Klingenmaier hat mit dem Regisseur gesprochen.

Wong Kar-Wai, sie greifen in Ihrem neuen Film "2046" Motive, Symbole, Personen aus früheren Werken wieder auf. Beim Festival von Cannes gaben sich da viele Kritiker gleichermaßen verzückt wie überfordert: betörend sei das, aber leider unverständlich. Wie viel Kenntnis früherer Filme, wie viel Gedächtnisleistung darf man dem Publikum denn zumuten?

"2046" ist gar nicht als Rätselspiel gedacht. Man kann ihn für sich allein sehen, obwohl er an "In The Mood For Love" anknüpft. Zu bestimmten Momenten des eigenen Lebens denkt man sich Geschichten aus. Aber die Figuren in diesen Geschichten erlangen ein Eigenleben. "2046" ist ein Film, der auf dieses Eigenleben reagiert, der nicht neue Figuren erfindet, sondern erzählt, was im Leben der schon vorhandenen Charaktere passiert. Es ist auch ein Film über das Erinnern, und eine Art Familientreffen mit Figuren, die mir beinahe aus dem Sinn geraten waren und sich dann doch wieder meldeten. Man muss bedenken, dass man vielleicht sowieso immer den gleichen Film macht, aber die Zeit und unsere individuelle Entwicklung ihn prägt.

Nach Cannes haben Sie Ihren Film noch einmal für die Kinoauswertung umgeschnitten. Das hat bei den Fans im Internet sofort Spekulationen ausgelöst, wie viel Varianten wohl die DVD enthalten und ob bestimmte Szenen zu- und abschaltbar sein würden. Wie stehen Sie denn zu dieser neuen Freiheit des Nutzers, sich im Heimkino seine eigene Filmvariante zu basteln?

Für mich war die Arbeit am Film eigentlich mit der Präsentation in Cannes beendet. Mir wurde dort nur klar, dass ein paar Einstellungen, die ich wollte, die wir aber nicht rechtzeitig zur Verfügung hatten, weil die Computernachbearbeitung sich hinzog, wirklich in den Film gehören. Die habe ich danach noch eingefügt. Aber es ist im Wesentlichen derselbe Film. Die DVD wird Material enthalten, das erklärt, wie es zu dieser Fassung kam.

Sie hängen also an der Idee des fertigen Werks?

Die Zuschauer haben ja auch ohne alternative Szenen schon eine ganz eigene Kontrolle über den Film, die es vor Video und DVD nicht gab. Unsere Haltung war früher bescheidener, demütiger. Wir mussten zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein, weil es einen Film nur dort zu sehen gab. Und er hatte sein eigenes Tempo, das wir nicht mit Knöpfen beeinflussen konnten. Das Publikum heute will die Kontrolle. Und es hat mehr Freiheit. Aber ich habe auch Verantwortung für meinen Film.

In "2046" erzählen Sie nicht nur in bedachtsamem Tempo, Sie gehen auch über lange Zeit sehr nahe an die Gesichter heran. Wer ist denn schutzloser in diesen Einstellungen, die Schauspieler oder der Zuschauer, der diese Gefühle in sich aufnehmen muss?

Es ist für beide eine Herausforderung. Dies ist ja das erste Mal, dass der Kameramann Christopher Doyle und ich mit Cinemascope gearbeitet haben. Tatsächlich hat "In The Mood For Love" noch mehr Nahaufnahmen gehabt, aber in "2046" wirken sie intensiver.

Weil das Eingesperrte der Figuren deutlicher wird?

Ja, wir wollten diese andere Optik. Hier kann das Publikum mehr sehen, und sieht doch weniger. Immer sind Begrenzungen mit im Bild, die Köpfe sind bedrängt von grünen Wänden und roten Vorhängen. Aber das bleibt in der Tradition von Hongkong, wo wir ja immer schon in kleinen Räumen drehten, auf Korridoren, in Treppenhäusern. Diese Orte sind sehr wichtig für meinen Film.

Steckt in dieser Beengung auch ein politischer Kommentar?

Der Filmtitel hat tatsächlich mit dem fünfzigsten Jubiläum der Rückgabe Hongkongs an China zu tun. Die Chinesen haben versprochen, fünfzig Jahre lang die Autonomie Hongkongs zu respektieren. In "2046" geht es um das Erinnern, um Versprechen und um einen Ort, an dem die Zeit still steht. Aber wenn Sie fragen, ob ich auf beengtere Möglichkeiten des Filmemachens hinweisen will: nein. Der Wandel, der nicht nur mein Arbeiten, sondern Hongkongs Filmindustrie erfasst hat, ist ein anderer. Früher haben wir kleine, preiswerte Filme gemacht, für einen vertrauten asiatischen Markt. Durch die Öffnung Chinas, aber auch die massive Konkurrenz von Hollywood sind die Produktionen größer, die Märkte unberechenbarer geworden. Für "2046" hatten wir Partner aus Hongkong, China, Japan und Europa. Von den fünf Jahren, die der Film gedauert hat, wurden drei für Planung und Finanzierung gebraucht.

Ist das eine bedenkliche Entwicklung?

Ich sehe das Positive daran. Wir bekommen in Hongkong neue Anstöße, neue Ziele, neue Energie und neue Talente aus aller Welt.
 

Thomas Klingenmaier

13.01.2005 - aktualisiert: 05.09.2007 20:05 Uhr

 



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