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Interview

Julia Jentsch im Gespräch

"Die Verantwortung wächst"
 

Schon bevor sie auf der Berlinale mit einem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, galt Julia Jentsch als die große Entdeckung des deutschen Films. Nach "Die fetten Jahre sind vorbei" und "Schneeland" kommt sie nun mit "Sophie Scholl - Die letzten Tage" als die Widerstandskämpferin der Weißen Rose in die Kinos.

Frau Jentsch, Sie werden im Augenblick als neue Hoffnung des deutschen Filmes gefeiert. Wie fühlen Sie sich damit?

Man hat schon das Gefühl, dass die Verantwortung wächst für das, was man tut, wenn es plötzlich Aufmerksamkeit bekommt und vielleicht gelobt wird. Man freut sich, besonders bei Projekten, die man selbst mag, auch wenn es mir manchmal ein bisschen unverhältnismäßig vorkommt.

Sie spielen Sophie Scholl, die unbeirrbar bei ihrer Überzeugung bleibt, obwohl sie weiß, dass sie ihr Leben riskiert. Wie schwer war das nachzuvollziehen?

Die Position, die sie vertritt, ist einem natürlich näher als die des Verhörbeamten. Man denkt ja so wie sie, und man weiß, wie Recht sie hatte. Man kann sich gut vorstellen, wie aufgebracht man selbst wäre.

Und der Mut, für seine Überzeugung auch in den sicheren Tod zu gehen?

Das ist erst mal schwer zu verstehen und extrem bemerkenswert. Es haben bestimmt viele Menschen gedacht wie sie, aber den Gedanken verdrängt, weil sie dachten, dass sie sowieso nichts verändern können. Die Herausforderung war, herauszufinden, wie sie sich ihre Stärke bewahrt hat, mit solcher Aufrichtigkeit zu kämpfen und die ganze Schuld auf sich zu nehmen, um ihre Freunde zu schützen. Wie soll man das wirklich verstehen und nachempfinden? Um es mir besser zu erklären, habe ich nach dem Fundament dieser Kraft gesucht, und bei den Geschwistern Scholl stößt man schnell auf den familiären Hintergrund: Die Eltern, die sich auch kritisch geäußert haben und ihre Kinder zu selbstständigen Menschen erzogen haben. Man findet Anhaltspunkte in den Büchern, die sie gelesen haben, und den Menschen, mit denen sie befreundet waren.

Der Film zeigt jugendliches Selbstvertrauen bis hin zur Arroganz ...

Das ist sicher nicht bewusst so gewollt, aber was man über Hans Scholl liest, steckt so etwas schon drin - wie viele Freundinnen er hatte, wie er sich kleidete und lebte. Er war auf seine Haltung stolz, und Sophie hatte zwar großes Mitgefühl und viel Respekt vor anderen Leuten, doch sie hat auch über andere gelästert. Einen gewissen Stolz zu zeigen, gehörte sicher dazu, gerade um sich gegenüber den Nazis zu behaupten. Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen und in die Opferrolle einsteigen. Sie hatte ihre Meinung, und dabei blieb sie.

Sophie Scholl ist Ihre zweite politische Rolle nach "Die fetten Jahre sind vorbei" - sprechen solche Figuren Sie an?

Ich habe sie nicht bewusst danach ausgesucht. Dass sie beide für den Widerstand gegen das herrschende System stehen, ist absoluter Zufall. Es sind zwei spannende und aktuelle Geschichten.

Kommt es vor, dass Sie gerne selbst so wären wie die Figur, die Sie verkörpern?

Da gibt es sicherlich eine Bewunderung und Neugierde. Dazu kommt auch das Wissen, dass man überhaupt nicht so ist, aber gerne so wäre. Ich bin natürlich froh, nicht in der Situation wie Sophie Scholl zu sein. Das möchte ich nicht mit ihr teilen, aber indem man sie kennen lernt, gewinnt man auch für sich selbst etwas.

Wie lange hält dieses neue Bewusstsein an?

Es bleibt immer etwas hängen. Trotzdem sehe ich es auch als Job und darf nicht jeden Charakter mit mir rumschleppen, auch wenn es wie gesagt in Teilen nicht ausbleibt. Was die Zivilcourage von Sophie angeht, hoffe ich, dass ich sie haben werde, wenn es darauf ankommt.
 

Fragen von Alexander Soyez, Stuttgarter Nachrichten

23.02.2005 - aktualisiert: 05.09.2007 20:06 Uhr

 



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