Der 53-jährige Liam Neeson spielt in Bill Condons Kinofilm "Kinsey" den berühmten amerikanischen Sexualwissenschaftler, der nicht nur mit seinen Forschungen, sondern auch mit seinem libertinären Leben Tabus bricht. "Kinsey" war der Abschlussfilm der diesjährigen Berlinale. Dort hat Rupert Koppold mit Liam Neeson gesprochen.
Mister Neeson, ist Kinsey für Sie ein amerikanischer Held?
Ich sehe ihn als heroisch, ja. Ich sehe ihn so, wie ich große Wissenschaftler sehe, wie Newton oder Galileo, als Helden, die gegen die etablierte Ordnung angingen, um etwas zu demonstrieren, um Aspekte unserer Existenz aufzuzeigen. Vorher waren wir umgeben von einem Meer der Unwissenheit.
Wenn man sich die konservativen Angriffe auf die Sexualerziehung im heutigen Amerika ansieht oder die Keuschheitsgelübde junger Menschen, hat man den Eindruck, dass der Film nicht nur auf die Historie zurückblickt, sondern brandaktuell ist.Ja, genau. Sex ist ein umstrittenes Thema, war es immer, wird es auch immer sein, denke ich. Es ist ein fundamentaler Teil unserer Existenz und einer, den wir am wenigsten verstehen.
In Amerika gab es auch mal liberalere Zeiten, geht es jetzt wieder zurück?Ja, es sieht so aus, als ginge es wieder zurück. Ich glaube, die Regierung will zurück in die frühen fünfziger Jahre, in die Zeiten des Kalten Krieges, des Verdachts, der Angst. Die Sexualforschung in Amerika muss heute fast schon wieder in den Untergrund gehen, die renommiertesten Universitäten müssen sich codierte Botschaften schicken, um ihre Ergebnisse auszutauschen. Das ist unglaublich.
Das klingt fast so, als seien die Zeiten von J. Edgar Hoover, dem gefürchteten FBI-Chef, wieder da.Ja, stimmt.
Sie sind in den fünfziger Jahren als Katholik in Nordirland aufgewachsen. Können Sie sich bis zu einem gewissen Grad mit Kinsey identifizieren, dem Sohn eines rigorosen Methodistenpredigers?Nun ja, ich wurde nicht ganz so streng erzogen. Aber Sex war auf keinen Fall ein Thema, über das zu Hause oder in der Schule gesprochen wurde. Es wurde irgendwie erwartet, dass man auf irgendeine Weise selber was über Sex herausfand.
Im Film wird zur Zeit von Kinseys Jugend aus einer Broschüre zitiert, in der als vorbeugende Maßnahme gegen das Masturbieren empfohlen wird, die Hoden in eiskaltes Wasser zu tauchen. Wurde das auch im Irland ihrer Jugend empfohlen?Ich weiß nicht, ich erinnere mich nicht mehr. Wie gesagt, über Sex wurde damals einfach nicht gesprochen.
Kinsey kämpfte gegen sexuelle Tabus, und dies zu einer Zeit, als das noch ganz außergewöhnlich war. Glauben Sie, dass es ein paar Tabus in diesem Bereich geben sollte, oder sind Sie für "anything goes"?Ich denke nicht, dass alles möglich sein sollte, das wäre fahrlässig. Schauen Sie sich nur die Aidsepidemie an, die gerade wieder um die Welt geht. Der Grund dafür ist fahrlässiges, verantwortungsloses Verhalten. Eine Gesellschaft braucht Regeln. Und Regierungen müssen sie durchsetzen. Es muss einen "code of behaviour" geben, sonst bricht eine Gesellschaft auseinander.
Wenn man in Hollywood einen Bisexuellen oder einen Schwulen spielt, ist das immer noch ein Wagnis? Kann das den Ruf als Mann für Hauptrollen ruinieren?Ich habe keine Ahnung. Ich denke über so was nicht nach. Hmm. Für einige Schauspieler mag das noch der Fall sein, für mich sicher nicht.
Sie haben den schottischen Helden Rob Roy gespielt, den irischen Helden Michael Collins, den Jedi-Ritter Qui-Gon Jinn in "Star Wars", und sie werden vielleicht bald in einem Steven-Spielberg-Film den US-Präsidenten Abraham Lincoln spielen. Welchen dieser Helden mögen Sie am liebsten?Hmm. Ich habe da keine Reihenfolge, keine Vorlieben. Natürlich war der Film mit Michael Collins eine sehr persönliche Sache, er ist ja einer der Gründer des modernen Irland, eine sehr wichtige Figur, auch umstritten. Und wenn aus dem Lincoln-Projekt was wird, dann wird das sicher faszinierend, da muss ich mich dann, wie bei Kinsey, durch eine Menge Material hindurchwühlen.
Sie bereiten sich also immer genau vor, wenn Sie eine historische Person spielen?Ja! Ja, ja, ja. Auf jeden Fall. Das ist sehr wichtig, man muss ja den Charakter in seinem historischen Kontext begreifen.
Sie haben natürlich auch Oskar Schindler gespielt. Was bedeuten diese Rolle und dieser Film für Sie heute?Eine Menge. Es ist ein exzellenter Film. Diese Verbrechen schockieren noch immer. Wie kann man das alles darstellen? Das geht gar nicht. Aber diese spezielle Geschichte zu erzählen hat doch etwas aufgezeigt. Ich bin stolz, dass ich in diesem Film gespielt habe.
Und was bedeuten Preise und Auszeichnungen für Sie. Wie oft tragen Sie zum Beispiel ihren Order of the British Empire, und wo bewahren Sie ihn auf?Oh je, der OBE, also den - , nun ja, wenn ich offizielle Briefe schreibe, um ein Theater zu retten oder so was, dann schreibe ich diesen Titel hinter meinen Namen. Aber ich trage diesen Orden nicht.
Aber Sie bewahren diesen Orden schon noch auf?Ja, ich habe ein kleines Büro. Da muss er irgendwo sein.
Sicher?Ja, ich denke, er muss in meinem Büro sein.
1997 hat das "Empire Magazine" Sie bei seinen "hundred sexiest stars in film history" als Nummer 69 gelistet. War es ungerecht, dass 68 Stars vor Ihnen kamen?Ich habe von dieser Liste noch nie gehört. Da bin ich also auf Platz 69? (lacht) Und wer ist auf Platz 68?
Weiß ich leider nicht mehr. Aber zwei Jahre vorher, also 1995, waren Sie erst auf Platz 74. In dem Jahr wurde Ihnen auch beinahe die Rolle des James Bond angeboten. Bedauern Sie dieses "beinahe"?Hmm. Nein, tue ich nicht. So unterhaltsam diese Filme auch sind: ich denke, die haben diesen Charakter nicht richtig aktualisiert. Allerdings habe ich nur einen Bond-Film gesehen. Trotzdem: ich bedaure es nicht.