Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 07.04.2005
One Day in Europe
Lustvolles Spiel mit Klischees
Dem gebürtigen Stuttgarter Hannes Stöhr ist ein kleines Kunststück gelungen: Er hat einen Film gemacht, der noch europäischer ist als die französische WG-Komödie "Auberge Espagnole". Geklammert von einem Champions-League-Fußballspiel erzählt er vier Episoden in vier Städten über Touristen und Einheimische. Menschen bunt durcheinander gewürfelter Nationalitäten treffen da aufeinander - und Stöhr spielt virtuos mit Mentalitäten und damit verbundenen Klischees.
In Moskau wird einer Engländerin am hellichten Tag ihr gesamtes Gepäck geklaut, und sie schafft es nur dank einer fürsorglichen alten Dame und mit immensen kommunikativen Klimmzügen, an einen Polizeibericht zu kommen. In Istanbul fingiert ein blonder Deutscher (Florian Lukas) einen Raub, doch er gerät an einen allzu hilfsbereiten Taxifahrer, der fließend Schwäbisch spricht (wunderbar: Erdal Yildiz) - und an Polizisten, denen er nur lästig ist. In Santa Maria de la Compostela lässt sich ein ungarischer Pilger vor der Kathedrale den Fotoapparat klauen; er ruft die Polizei - doch es ist grade Siesta. Und in Berlin findet ein französisches Kleinkünstler-Pärchen einfach kein geeignetes Getto, in dem ein Überfall glaubwürdig erscheinen könnte, dafür aber sehr gründliche deutsche Polizisten, die auch noch fließend Französisch sprechen.
Wie in "Berlin Is In Germany" hat Regisseur und Drehbuchautor Stöhr seine Charaktere mit viel Liebe zum Detail entwickelt. Das gute russische Mütterchen und der spanische Don Juan von einem Polizisten (grandios: Miguel de Lira) spielen lustvoll mit ihren stereotypen Zügen und mit der zwischenmenschlichen und sprachlichen Situationskomik, von der die vier Episoden leben. "Hungarian is like finnish language", sagt der Ungar zum Thema Sprachverwandtschaften, der Spanier aber versteht "finished Language" und nickt nur verständnisvoll.
Inmitten der babylonischen Sprachverwirrung entsteht bald das Bild eines lebendigen, bunten Kontinents, auf dem die Menschen schon bei kurzen Kontakten mehr übereinander erfahren als die Normaleuropäer in der von Brüssel aus verwalteten Union. Stöhr denkt Europa ja bewusst größer als die derzeitige EU, spielt mit dieser Vision sogar im Titel: "One Day In Europe" kann auch "Eines Tages in Europa" heißen.
Und über allem schwebt einer, der sowieso keine Grenzen kennt: König Fußball. Dank ihm finden sogar der ungelenke Cottbuser und der lässige Deutschtürke in Istanbul zueinander.
Bernd Haasis
07.04.2005 - aktualisiert: 07.04.2005 11:21 Uhr