Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 13.10.2005
A History of Violence
Das Erbe der Gewalt
Was denken die Bewohner einer verschlafenen Kleinstadt, wenn einer der Ihren zwei üble Gewalttäter überwältigt und dadurch unschuldige Menschen rettet? Sie machen ihn zum Helden, da kann er herunterspielen, so viel er möchte. Doch das Medienecho ruft Geister aus der Vergangenheit auf den Plan, die behaupten, er sei ein ganz anderer - mit unschöner Vorgeschichte.
Sofort beginnen die Mitbürger neu nachzudenken: Wieso kann ein normaler Familienvater so gut mit einer Waffe umgehen, so hart kämpfen? Tom Stall dementiert alles, doch er mutiert binnen Sekundenbruchteilen zur brutalen, blitzschnellen Tötungsmaschine, wenn es gilt, sich der vermeintlichen alten Bekannten zu erwehren, und selbst seine Familie wird misstrauisch.
Diese Geschichte erzählt David Cronenberg ("Crash") in seinem neuen Film, und er erzählt sie mit der ihm eigenen Unbarmherzigkeit. Er lässt den Protagonisten Tom Stall sehr intimen Sex mit seiner innig liebenden Frau Edie haben, weil es diese kurz darauf umso mehr schmerzt, dass ihr Mann vielleicht ein ganz anderer ist, als sie dachte.
Cronenberg geht noch tiefer, stellt die Frage, ob die Fähigkeit zur Gewalt angeboren ist, vererbt werden kann. Er richtet seinen Blick auf Stalls Sohn Jack (Ashton Holmes), der in der Schule von Halbstarken gehänselt wird. Jack bleibt immer ruhig, lässt sich demütigen - bis er eines Tages vor aller Augen den Anführer ansatzlos zusammenschlägt und auf einmal die Theorie vom Apfel und vom Stamm im Raum steht.
Viggo Mortensen ("Der Herr der Ringe") formt seine gespaltene Figur zum schlüssigen Charakter: Ein Mann kann jahrzehntelang braver Familienvater sein und trotzdem Kerle umbringen, ohne mit der Wimper zu zucken. Einfühlsam gestaltet Maria Bello den Wandel von der blind vertrauenden Ehefrau auf dem Weg in den Abgtrund fundamentaler Zweifel, und Ed Harris wie William Hurt geben die überzeugendsten üblen Mobster seit langem.
Mit perfider Genauigkeit hat Cronenberg auch die Kulisse für sein Experiment ausgesucht: Ein austauschbares Kaff irgendwo in den USA, ein kleines Lokal, das wenig abwirft, eine Bruchbude außerhalb der Stadt, harmonieheischendes familiäres Alltagseinerlei - so leben Millionen, nicht nur Amerikaner, und kein Mensch weiß, was sonst noch in ihnen steckt.
Bernd Haasis
13.10.2005 - aktualisiert: 13.10.2005 16:28 Uhr