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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 03.11.2005

Tim Burton"s Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche

Die Braut verliert ab und zu ein Auge

Mit "The Nightmare Before Christmas" (1993) gelang Tim Burton, Spezialist für düstere Stoffe ("Sleepy Hollow"), ein Trickfilm-Hit als Autor. Der Halloween-Mann übernahm da den Job des Weihnachtsmanns und richtete Chaos an, und die Figuren waren ebenso morbide wie anrührend. Nun hat Burton selbst einen Puppentrickfilm inszeniert und ist sich treu geblieben.

Victor, Sohn reicher Fischhändler im amerikanisch stilisierten Europa des 19. Jahrhunderts, soll Victoria heiraten, die Tochter verarmter Aristokraten - die einen wollen Zugang zur feinen Gesellschaft, die anderen Bares. Wider Erwarten mögen sich Braut und Bräutigam, denn sie sind seelenverwandt, zurückhaltend, warmherzig, ganz anders als die Eltern. Doch der Träumer Victor kann sich den Text für die Zeremonie nicht merken und übt im finsteren Winterwald vor Krähenpublikum. Als er den Ring an eine Wurzel steckt, entpuppt sich diese als Finger einer reizenden, halb verwesten Leichenbraut, die sich aus dem Grab erhebt und ihn nun als Ehemann beansprucht.

Burton hat seinen Trickfilm inhaltlich stimmig und optisch opulent inszeniert, wie es Disney tun würde, zugleich aber mit spitzer Satire unterlegt: Die Menschenwelt ist kaum weniger finster als das Totenreich, wo es weit ausgelassener zugeht, und die Figuren sind völlig überdrehte Karikaturen.

Den Leichen haucht Burton so viel Leben ein, dass man sie als Zuschauer einfach mögen muss - selbst wenn sie sich immer wieder nur knapp diesseits der Ekelgrenze bewegen. Die Leichenbraut etwa verliert ab und zu ein Auge, hinter dem eine Made wohnt. Deren Vorträge kontert die Tote mit Sätzen wie: "Go chew somebody else"s ear - kau jemand anderem das Ohr ab." Überhaupt ist der Film angefüllt mit einem Sprachwitz, vom dem in der deutschen Fassung einiges verloren gehen dürfte: "Why do you wanna go up there when everybody"s dying to come down here?", fragt etwa die Oberleiche doppeldeutig den armen Victor, der zurück ins Leben möchte.

Bei der bedrohlich dämonischen Klangkulisse hat Burtons Stammkomponist Danny Elfman wieder ganze Arbeit geleistet, und wenn die Toten in der Unterwelt wilde Feste feiern, singt Mr. Bonejangles respektlose Songs dazu, während Skelette die Köpfe tauschen und alte Kämpen sich Degen durch die blanken Rippen stechen.

Die Idee von der Leichenbraut stammt aus einem russischen Volksmärchen. Bei Burton heißt sie Emily und erinnert damit an William Faulkners Kurzgeschichte "A Rose For Emily", in der eine Südstaatendame einen Geliebten auf dem Absprung vergiftet und jahrelang neben der Leiche schläft. Dass Derartiges menschlichen Charme entfalten könnte, das hätte vor Tim Burton niemand vermutet.
 

Bernd Haasis

03.11.2005 - aktualisiert: 03.11.2005 12:01 Uhr

 


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