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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 13.01.2006

Der ewige Gärtner

Die Liebe ist stärker als der Tod

Krieg, Hunger, Diktaturen: Die afrikanische Misere ist vielen ein Rätsel. Den Tausch günstiger Rohstoffe gegen teure (Rüstungs-)Technologie als Teil des Wohlstands reflektieren sie dabei nicht. Doch mit steigendem Flüchtlingsdruck mehren sich die unangenehmen Informationen. Im Kino tauchte Afrika 2005 in mehreren intelligent gemachten Filmen auf: "Die Dolmetscherin" (Verschwörung), "Hotel Ruanda" (Bürgerkrieg), "Darwin"s Nightmare" (Elend am Viktoriasee) und "Lost Children" (Kindersoldaten). Nun kommt quasi als Krönung "Der ewige Gärtner" ins Kino.

Den zu Grunde liegenden Roman hat John Le Carré geschrieben, hinlänglich bekannt für brisante Verschwörungsthriller. Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles, der schon in "City Of God" (2002) mit scharfem Blick die Favelas von Rio de Janeiro zum Schauplatz eines Dramas um Jugendgangs machte, hat sich nun dorthin begeben, wo es gar keine Balance mehr gibt: nach Kenia und in den Sudan.

Der britische Diplomat Justin Quayle (Ralph Fiennes) entflieht gerne der Realität und werkelt im Garten - ein perfekter, sehr menschlicher Stellvertreter. Er erwacht aus seiner Lethargie, als seine Frau Tessa (Rachel Weisz) ermordet wird. Sie hat herausgefunden, dass ein westlicher Pharmakonzern - unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe - Menschen für Medikamententests missbraucht. Quayle recherchiert, bald gerät sein eigenes Leben in Gefahr.

Rachel Weisz gibt den Prototyp der Rebellin, die für Menschenrechte kämpft und gegen die gönnerhafte Verlogenheit der Diplomatie, und man glaubt ihr in jedem Moment, dass sie es nicht für den eigenen Ruhm tut, sondern nur um der Sache willen; Ralph Fiennes als sanfter, sie über alles liebender Ehemann wächst wie seine Figur buchstäblich über sich hinaus, als Tessa nicht mehr da ist, denn die Liebe ist stärker als der Tod.

Meirelles hat den Blickwinkel konsequent umgedreht, eindrücklicher noch als Stephen Soderbergh in "Traffic": Während das graublaue London wie ein Kühlhaus wirkt, leuchtet Kenia in blitzender, warmer Farbenpracht aus rotbrauner Erde, sattem Himmelsblau und bunten Gewändern. Selbst die unzähligen Müllschnipsel, die den Boden der riesigen Slums bedecken, wirken, als seien sie Konfetti, das jemand zu Ehren der magischen Landschaft und ihrer Menschen ausgestreut hat.

Zynismus? Nein, Meirelles pflegt kunstvoll, was ja nur scheinbar ein Widerspruch ist, und leitet mit seinem Bildern zur immer selben Frage: Warum? Über dem Grenzsee zum Sudan blitzt das Wasser, fliegen Vogelschwärme auf, doch man ahnt bereits die Katastrophe, Fernsehnachrichten aus der Provinz Darfour sind hier hautnah zu erleben. Meirelles hat ein Rundhüttendorf im warmen Licht fotografiert, sanft ergreift der ruhige Lebensrhythmus der rotgewandeten Menschen und ihrer Tiere die Zuschauer, ehe aus dem Nichts eine Bande arabischer Reiter auftaucht und mordet, brandschatzt, Kinder raubt.

Und die Weißen? Entziehen sich in letzter Sekunde per Flugzeug.
 

Bernd Haasis

13.01.2006 - aktualisiert: 13.01.2006 11:36 Uhr

 


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