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Mikael Niemi

Loch in der Schwarte

Fantastische Ausflüge ins All
 

"Mikael Niemi spinnt", stellte die schwedische Presse einmal fest, "aber auf so verdammt brillante Weise, dass wir ihm bedingungslos folgen." Nach seinem inzwischen verfilmten Überraschungserfolg "Populärmusik aus Vittula" waren die Erwartungen an den nordschwedischen Autor hoch gesteckt - und sie werden nicht enttäuscht: "Das Loch in der Schwarte", sein neuestes Werk, überzeugt mit skurriler Komik und fantastischen Bildern vom Leben der Menschen in einer fernen Zukunft, in der ein Trip ins All zum Alltag gehört, weil die unendlichen Teile des Universums zusammengewachsen und fremde Galaxien so erreichbar geworden sind wie der Urlaubsort an der spanischen Küste.

Ein Roman ist es eigentlich nicht, den uns der 46-jährige Autor präsentiert, eher eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich allesamt um die Sterne drehen. Der Erzähler ist ein Roader, ein Spediteur im All, der mit seinem Frachtschiff zwischen Erde und Asteroiden pendelt, um Güter zu transportieren. Denn der Weltraum ist längst keine einsame Wüste mehr, sondern wird von unzähligen Raumschiffen bevölkert. Rassendiskriminierung, Unterdrückung und Kriege - "dieses Erdenverhalten funktionierte da draußen nicht". Angesichts unzähliger anderer Geschöpfe auf fremden Planeten hat sich der Homo sapiens nicht als Krone der Schöpfung, sondern längst als "Bodensatz des Universums" entpuppt, so primitiv, dass ihm im kosmischen Parlament nur 0,002 Stimmen zugestanden werden.

Ab und zu macht der Roader auf seinen Touren zu den Sternen Halt in der Kneipe "Schwartenloch" auf dem Asteroiden Nugget, einer der schlimmsten intergalaktischen Kaschemmen, in der sich so gut wie alles trifft, was kreucht und fleucht: bananenähnliche Milzteile, "blubbernde Büschel, die an eine Blutwurst erinnern", warzengespickte Schwellkörper oder neonleuchtende Spinnennetzquallen. Es ist ein "gigantisches, Furcht erregendes, ungeordnetes Familientreffen", stammen doch alle Gäste vom gleichen Big Bang, sind doch alle entfernte Cousins der Menschen.

Niemi reichert seine deftig ausgeschmückten Ausflüge ins All mit Fantastereien über vermeintlich geniale Entdeckungen an. So schildert er die Enttarnung von kleinen, bösartigen Partikel durch einen verbitterten Physiker, der ihnen den Namen "Kurt" verpasst, weil so auch der Scheidungsanwalt seiner Frau heißt. Er erzählt vom ersten Besuch fremder Kreaturen auf der Erde, vom explosiven Innenleben der Steine und von der ultimativen riesigen Magmaexplosion, die die Erde lange nach dem Ende der Menschheit vernichtet. Das ist nur vordergründig Nonsens, denn hinter der witzigen Fassade verbergen sich geistige Höhenflüge, die zwar der Wahrheit nicht immer auf die Schliche kommen, sehr wohl aber zeigen, wie viel sich ein fantasiebegabter Mensch vorzustellen vermag - jedenfalls, wenn er Mikael Niemi heißt.
 

Susanna Gilbert-Sättele, dpa

16.01.2006 - aktualisiert: 21.09.2007 13:44 Uhr

 



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