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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 24.01.2006

München

Wenn die Jäger zu Gejagten werden

Während politische Kommentatoren und Reporter sich derzeit darin überbieten, nachzuweisen, dass der Film und die damalige Realität nichts miteinander zu tun haben, geht es Spielberg gar nicht um Fakten - er möchte zeigen, was aus Menschen wird, die ausziehen, um für ihr Heimatland zu töten.

Ausgangspunkt ist der Anschlag der palästinensischen Gruppe Schwarzer September auf die israelische Olympiamannschaft 1972 bei den Spielen in München. Die Terroristen drangen ins Quartier der Sportler ein, erschossen zwei und nahmen neun als Geiseln, die sie später als Reaktion auf eine verunglückte Befreiungsaktion der bayerischen Polizei umbrachten.

Spielberg zeigt die Vorgänge von München in einer dokumentarisch anmutenden Collage. Er bleibt ganz nah am Geschehen, lässt die Verhandlungen zwischen Polizei und Geiselnehmern, zwischen Deutschland und Israel außen vor. Wie in "Der Soldat James Ryan", wo er die Kamera im Gemetzel des D-Day platzierte, ist er nun mitten unter den Geiseln und ihren Peinigern, zeigt aus der Nähe blutige Morde, von Kugeln durchsiebte Körper. Und weil der Terror in München eine neue Dimension bekam, weil erstmals Millionen TV-Zuschauer weltweit live dabei waren, zeigt Spielberg auch sie, die atemlos die Original-Berichte verfolgen.

"In Deutschland sterben wieder Juden", lässt Spielberg die damalige israelische Ministerpräsidentin Golda Meir sagen, bevor sie mit ihrem Krisenstab beschließt, ein Killerkommando auf die Drahtzieher des Anschlags von München anzusetzen. Eine Spielfilmszene, eine plausible Möglichkeit, gedeckt durch die Freiheit des Künstlers.

An selbige hat Spielberg sich leider nicht gehalten, sondern eine dubiose Quelle konsultiert: "Vengeance", ein Buch von 1984, das der ungarische Journalist George Jonas mit einem gewissen Avner verfasst hat, der sich als Anführer einer Todesschwadron ausgab. Inzwischen weiß man, dass Avner nie israelischer Agent war und vieles im Buch seiner Fantasie entstammt.

Hätte Spielberg das Buch nicht als Quelle genannt und seinen Protagonisten nicht Avner, es wäre ihm viel Kritik erspart geblieben. Denn für den Film und seine Botschaft spielen die Details überhaupt keine Rolle.

Zypern, Paris, Beirut, London: Fünf Agenten spüren ihre Zielpersonen eine nach der anderen auf und bringen sie um. Dabei überschreiten sie alle eine Schwelle, denn sie sind Männer aus der zweiten Reihe, die die Gegenseite nicht kennt, die aber auch keine Erfahrung im Töten haben. In Machart und Look erinnert "München" an eine stilisierte Variante der Thriller der 70er, doch im Vordergrund steht nicht die Action, sondern der menschliche Faktor. Avner etwa (Eric Bana) zeigt Skrupel, als er statt eines Monsters einen scheinbar gutmütigen älteren Herrn vor dem Lauf hat. Einmal kommt die Familie eines Opfers kurz vor der Detonation nach Hause, dann wieder verkalkuliert sich Bombenbauer Robert (Matthieu Kassovitz) mit der Ladung und jagt statt eines Hotelzimmers gleich mehrere in die Luft.

Avner, als Anführer überfordert, redet sich und den anderen ein, sie befänden sich im Krieg, Steve (der künftige Bond Daniel Craig), der Härteste im Bunde, erklärt, man könne den Gegner nur mit dessen Mitteln schlagen. Doch sie geraten zunehmend zwischen die Fronten, sie erschießen aus Versehen einen KGB-Agenten, die CIA hindert sie an einem Anschlag. Bald werden die Jäger selbst zu Gejagten - und die Nerven liegen blank.

Einmal kommt es zu einer skurrilen Doppelbuchung: Plötzlich steht ein Palästinenserkommando in ihrem Quartier. Die Israeli geben sich als Mitglieder der RAF aus, und Avner muss sich das Klagelied von der israelischen Besatzung, vom palästinensischen Wunsch nach Heimat anhören. Eine starke, mutige Szene, die in der jüdischen Welt als Verrat gedeutet wurde. Spielberg aber ergreift keine Partei, rechtfertigt weder Gewalt noch Terrorismus.

Er geht sogar noch weiter: Die da zunächst in gutem Glauben töten, stürzen in Zweifel und verlieren selbst ihre Heimat - weil sie permanent zentrale Prinzipien ihrer Kultur, ihres Glaubens verletzen. Und sie erreichen nicht einmal etwas, denn für jeden getöteten Terroristen rückt ein noch radikalerer nach. Wie Spielberg in "James Ryan" den Mythos vom heldenhaften Soldatentod zerschlagen hat, so dekonstruiert er hier die Mär vom eleganten Killer à la James Bond.

Die Schlussfolgerung lässt der Regisseur zwischen den brutalen, kalten Bildern durchscheinen: Im Kampf gegen den Terrorismus kann Gewalt keinen Frieden bringen, egal wer gegen wen kämpft - denn wer sich auf die blutige Provokation einlässt, steigt hinab auf dasselbe Niveau.

Wie zum Beweis strandet der paranoide Avner in New York, im Kopf traumatische Bilder des Münchner Massakers: In einer Szene erheben sich hinter ihm drohend die Twin Towers, deren Fall die USA in einen Krieg gegen den Terror treiben wird und in eine schwere Sinnkrise um Bürgerrechte, Angriffskriege, illegal von Agenten verschleppte Menschen und Foltergefängnisse.
 

Bernd Haasis

24.01.2006 - aktualisiert: 26.01.2006 11:33 Uhr

 


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