Suche nach Kinofilmen
 
 



Kino-Termine

Dieser Film läuft in folgenden Kinos

 

 

Vorschau ]

zurück


Drucken Versenden
Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.02.2006

Walk the Line

Wenn Musik Mut macht

Viele Künstlerbiografien sind schon verfilmt worden, und oft gibt das Leben einen tragischen Schluss vor wie bei Charlie Parker ("Bird", 1988), Jackson Pollock ("Pollock", 2000) oder Sylvia Plath ("Sylvia", 2003). Dagegen ist Johnny Cash geradezu ein Glücksfall: Er sprang dem Tod nach frühem Karriere-Hype und schwerer Pillensucht gerade noch von der Schippe und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 2004 einer der wichtigsten amerikanischen Sänger, der bis zuletzt mit der Reihe "American Recordings" Musikgeschichte schrieb.

Außerdem gewann er nach jahrelangem Kampf endlich die Liebe seiner Musikerkollegin und besten Freundin June Carter, mit der er 35 Jahre lang eine glückliche Ehe führte.

Ein wahres Märchen also, das James Mangold nun auf die Leinwand bringt, und zum Glück konzentriert er sich dabei auf Cashs wilde Phase bis zur Läuterung. Die Hinwendung zum christlichen Glauben, von der Cash selbst oft sagte, ihr verdanke er sein Überleben, tippt Mangold nur dezent an und erspart den Zuschauern missionarischen Eifer, wie er in den USA derzeit durchaus Konjunktur hat.

Verblüffend, wie Joaquin Phoenix, der sonst eher schmal wirkt, den schweren, ungelenken Mann spielt. Er empfindet Cashs Mimik, Gestik und Haltung ähnlich perfekt nach, wie Jamie Foxx es in "Ray" mit Ray Charles gelungen ist. Und die ausdrucksstarke Reese Witherspoon, die viel mehr sein kann als "Natürlich Blond", ist eine wundervolle June Carter, die ausdauernd abwartet, bis sie dem beharrlich um sie Werbenden ihre Liebe schließlich nicht mehr verweigern kann.

"Walk The Line" beginnt kurz vor Cashs legendärem Auftritt im kalifornischen Folsom Prison. Die Werkstatt dient als Künstlergarderobe, und der Sänger starrt eine Kreissäge an, die ihn zurückführt in die Kindheit. Damals ließ er seinen Bruder an einer solchen Säge allein, und dieser kam daran um. Der Vater hat ihm nie verziehen, ein Konflikt, der Cash lange verfolgen wird.

Der junge Cash singt Gospels zur Gitarre - bis ihm der Produzent Sam Phillips (Dallas Roberts), der als Gründer des Sun-Labels in Memphis auch Elvis Presley, B. B. King und Jerry Lee Lewis entdeckte, erklärt, worauf es ankommt: Sein Inneres nach außen zu kehren statt etwas zu imitieren. Mit eigenen Songs kommt bald die erste Tournee mit June Carter, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins, der Durch- und nach Jahren der drogenbefeuerten Auszehrung der Zusammenbruch.

Der Film zeigt den Kontrast zwischen dem wilden Leben der Musiker in den 50er Jahren und den Anfeindungen der spießigen, kleingeistigen Gesellschaft. Erst in den 60ern ändert sich das Klima und mit ihm die lebensecht nachgebaute historische Kulisse, die Frisuren und die Kleidung, die Autos und die Clubs.

Man muss kein Fan von Country oder Folk sein, um Cash zu mögen, denn die Songs, in denen sich seine jeweilige Karrierephase spiegelt, sind von zeitloser Schönheit - außer für ausgeprägte Antiamerikanisten. Die Konzertsequenzen sind allein wegen der Ausstattung ein Ereignis und bieten nahezu alle großen Hits von "Cry, Cry, Cry" über "Walk The Line" bis hin zu "Ring Of Fire", der Komposition von June Carter, mit der sie Cashs Comeback anschob. In den Duetten mit June Carter spiegelt sich eine spannungsgeladene Beziehung, die von Anfang an über die Musik hinausging, und Phoenix und Witherspoon lassen es knistern und funken zwischen ihren Figuren.

Schließlich steht Cash im Folsom Prison und spielt ein Konzert für die Insassen, von denen ihm etliche in Fan-Briefen geschrieben haben, wieviel Mut seine Musik ihnen gibt. Ein großer Moment, großes Kino, große Darsteller, große Musik - mehr kann man nicht verlangen.
 

Bernd Haasis

02.02.2006 - aktualisiert: 02.02.2006 12:33 Uhr

 


Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise