Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 23.02.2006
Elementarteilchen
Größer als das Leben
Der Erfolgsroman eines schillernden französischen Autors verfilmt in Deutschland? Bernd Eichinger ("Der Untergang") ist der gallischen Konkurrenz zuvorgekommen und hat sich einen Regisseur gesucht, der wie gemacht scheint für den Stoff: Oskar Roehler. Der pflegt mit Schmuckbrille und Filmen wie "Die Unberührbare" oder "Alter Affe Angst" das Image, am liebsten dahin zu gehen, wo"s wehtut; damit liegt er bei Houellebecq prinzipiell richtig.
Das Duo hat aus dem Stoff einen Film mit Tempo und Witz gemacht und ist weder über des Autors verbale Erbarmungslosigkeit gestolpert noch über dessen Hang zum Pornografischen. Aus dem Drama um zwei verquere Halbbrüder sind zwei ungewöhnliche Liebesgeschichten geworden, einfühlsam und mit seltener Offenheit erzählt.
Ein deutsches Starensemble setzt Glanzpunkte bis in die Nebenrollen. Christian Ulmen gibt sich als verklemmter Molekularbiologe Michael spät seiner Sandkastenfreundin Annabelle hin (Franka Potente), die Jahrzehnte unerfüllter Liebe mit sich herumträgt. Moritz Bleibtreu lernt als sexuell frustrierter Lehrer im freizügigen Urlaubscamp die ältere Christiane kennen (eine mutige Martina Gedeck), die ihm die Welt der Swingerclubs eröffnet. Nina Hoss gibt die Hippie-Rabenmutter der schrägen Brüder, und Uwe Ochsenknecht hat einen grandiosen Kurzauftritt als gescheiterter Schönheits-Chirurg.
Der Film ist gespickt mit Schlüsselsätzen Michel Houellebecqs und nah an der Vorlage - aber nur oberflächlich. Der alte Fuchs Eichinger hat Erfahrung mit Happy Ends: Bei Umberto Ecos "Name der Rose" ging durch den mildernden Schluss nichts von der Aussage verloren; bei Houellebecq ist das anders. Der Genforscher Michael blickt kalt aufs Leben, missversteht Huxley, träumt von menschlicher Reproduktion im Reagenzglas. Seine Haltung kollidiert frontal mit Annabelles Sehnsucht nach Wärme, und bei ihr bricht genau dann der tödliche Unterleibskrebs aus, als sie von diesem Mann schwanger wird - ein Kommentar zum Zustand einer Gesellschaft, in der der Mensch zunehmend in die Isolation treibt.
Im Film dagegen gesundet Annabelle, und die beiden werden ein Paar. Schön und von zweifelhafter Schlichtheit ist dieses Ende, größer als das Leben. Der nächste Houellebecq wird von Franzosen in Frankreich verfilmt. Man darf gespannt sein, ob sie ihm näher kommen.
Bernd Haasis
23.02.2006 - aktualisiert: 23.02.2006 13:03 Uhr