Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.05.2006
The Da Vinci Code - Sakrileg
Eine Mythenjagd, die zu denken gibt
Ron Howard ("A Beautiful Mind") hat aufgepasst: Im Film sind Angaben relativiert, die die Kirchen in Dan Browns Bestseller "The Da Vinci Code" kritisiert hatten. Der offiziellen Version folgend heißt es nun, 50 000 Frauen seien im Namen der Kirche als Hexen verbrannt worden, nur als Nachsatz folgt: "Vielleicht waren es auch Millionen." Die Gräuel werden nicht kleiner mit der Zahl - aber Howard unangreifbarer.
Er hält sich weit gehend an Browns ausgeklügelten Plot, diese mythengeschwängerte Schnitzeljagd nach dem Heiligen Gral, in deren Zentrum die These steht, Jesus Christus sei mit Maria Magdalena verheiratet und Vater gewesen; die frühe Kirche habe das aus machttaktischen Gründen verschleiert und die Frau zur Hure degradiert - eine handfeste Verschwörungstheorie.
Souverän wird Tom Hanks eins mit dem Symbolforscher Robert Langdon, Audrey Tautou mit ihrem traurigen Amélie- Blick, der ihr seltenes Lächeln umso umwerfender macht, passt perfekt in die Rolle einer Frau, die das Schicksal der Menschheit mit sich herumträgt. Und Ian McKellen, im "Herrn der Ringe" der Zauberer Gandalf, ist als ironiebegabter wie größenwahnsinniger Historiker eine Offenbarung.
Langdon und Teabing wirken weniger komplizenhaft als im Buch, sie diskutieren, statt immer auf einer Linie zu dozieren, was die Theorien glaubwürdiger macht. Howard visualisiert vieles in schlaglichtartigen, farbarmen Rückblenden: Mal ziehen die Templer in Jerusalem ein, mal erinnert sich Sophie an das Zerwürfnis mit ihrem Großvater. Und wenn Langdon rätselt, stehen seine Gedanken schon mal als transparente Vision vor ihm im Raum. Liebevoll gestaltet sind auch die greifbaren Objekte: Rätsel in Kryptex-Zylindern und auf Grabmalen, spiegelverkehrte und in Blut geschriebene Botschaften, geheimnisvolle Symbole und Anagramme - alles wirkt ganz real.
"Wieso müssen Kirchen nur so unheimlich sein?", spricht Sophie im Angesicht steinerner Fratzen aus, was sich viele fragen. Und der mordende Opus-Dei-Jünger Silas (brillant: Paul Bettany) mag als bizarre Karikatur erscheinen, wie er sich selbst geißelt unter dem Kruzifix, das Martyrium Christi nachzufühlen. Doch er ist nur ein Abbild des Christentums, wie es manche Kleriker bis heute propagieren - mit Angst und Leiden dort, wo des Religionsstifters frohe Botschaft von der Liebe regieren sollte.
Geschickt darf Langdon sich an eine spirituelle Erfahrung erinnern, ehe er fragt: "Wieso kann Jesus nicht Familienvater gewesen sein und trotzdem all die Wunder vollbracht haben?" Bei aller Überspitzung und trotz Überlänge: Selten gibt großes, buntes, spannendes Hollywood-Kino so viel zu denken.
Bernd Haasis
18.05.2006 - aktualisiert: 18.05.2006 11:14 Uhr