Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 24.05.2006
C.R.A.Z.Y. - Verrücktes Leben
Blut ist dicker als Wasser
Fünf Söhne sind keine Kleinigkeit - besonders, wenn einer mit sich ringt, ob er nun schwul ist oder nicht, und für den Vater, einen Arbeiter-Macho mit coolem Schlitten und Sonnenbrille, nichts schlimmer wäre als ein Ja. Der Film des Franko-Kanadiers Jean-Marc Vallée hat seine großen Momente immer dann, wenn die Institution Familie in den Vordergrund rückt - als Himmel und Hölle zugleich, als fundamentale Erfahrung des Menschseins.
Die Geschichte beginnt mit Zacs Geburt 1960. Während er in den 60ern noch kindlicher Zuschauer ist, wird er in der Pubertät voll vom Zeitgeist der 70er Jahre erfasst. Marc-André Gondin verkörpert die ganze nervöse Unsicherheit eines Heranwachsenden, der sich als Ziggy Stardust verkleidet, auf der Flucht vor seiner Neigung seiner promiskuitiven Cousine nachstellt, zur Musik von Pink Floyd mit der eigenwilligen Michelle Intimitäten tauscht und seinen ältesten Bruder Ray beim Sex beobachtet. Ausstattung und Kostüme sind liebevoll ausgesucht, die Kleidung des Glam-Rock-Zeitalters ebenso stimmig wie Biker-Outfit und Harley.
Ein väterlicher Strahlemann, der Irritationen scheut, und eine treu sorgende, abergläubische Mutter: Michel Cäté und Danielle Proulx sind ein herrliches Paar. Und Pierre-Luc Brillant gibt als Drogenfreak Ray das perfekte Pendant zu Zac. Umso mehr fällt auf, dass andere Figuren Stereotypen bleiben: die Sportskanone etwa, die man nie beim Sport sieht, oder der Streber, der viel liest, aber nie etwas weiß. Und wenn ausgerechnet ein Homosexueller ein Medium sein soll, das in Gedanken verletzte Angehörige heilt, bewegt sich der Film hart an der Grenze zur positiven Diskriminierung.
Insgesamt aber ist "C.R.A.Z.Y." einer jener kleinen, menschlichen Filme, wie sie im kanadischen Quebec immer häufiger gedeihen. Und Vallées Botschaft gilt überall: Blut ist dicker als Wasser.
Bernd Haasis
24.05.2006 - aktualisiert: 24.05.2006 10:56 Uhr