Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 01.06.2006
Flug 93
Zivilcourage gegen die Terroristen
Am 11. September 2001 lieferte die Realität Bilder, die die Traum- und Albtraumfabrikanten in Hollywood ganz alt aussehen ließen: Der Einschlag der Flugzeuge ins World Trade Center hat sich ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt, die USA sind in ein Trauma gestürzt und gegen den kaum greifbaren Feind ins Feld gezogen - mit unwägbarem Ausgang.
Der britische Regisseur Paul Greengrass hat den 11. September nun als erster im Film verarbeitet. Er begleitet die Menschen an Bord von "United 93", jener Maschine, die über Pennsylvania abstürzte, weil die Passagiere gegen die Entführer aufbegehrten. Flankierend zeigt er, wie die Behörden am Boden mit der Situation umgehen.
Was an Bord passierte, ist gut belegt, denn viele Passagiere nutzten die Bordtelefone, um zu Hause anzurufen. Greengrass hat mit der Handkamera quasi dokumentarisch nachgestellt, wie es hätte gewesen sein können. Auf Stars hat er verzichtet, um möglichst realistische Menschen zu zeigen. Klug setzt er die Macht der realen Bilder ein, die für die meisten Menschen ja mediale Bilder waren: Auch die Flugsicherheitsbeauftragten sehen das Grauen nur im Fernsehen - ungläubig, denn noch nie hatten Terroristen Passagiermaschinen als Bomben eingesetzt.
Und ohnmächtig: Am Boden herrscht Chaos. Die Befugnisse zwischen lokaler und zentraler Flugüberwachung, Militär und Politik sind unklar, es sind nur wenige Kampfjets verfügbar, und niemand weiß, ob sie Zivilflugzeuge mit Passagieren an Bord abschießen dürfen. Der Präsident soll entscheiden - doch er ist nicht zu erreichen.
Greengrass, der in "Bloody Sunday" schon die Eskalation des nordirischen Konflikts in den 70er Jahren akkurat dramatisiert hat, bleibt durchweg reiner Beobachter. Sein Film ist wie ein Spiegel, in dem jeder sehen kann, was in sein Weltbild passt. Ist es diskriminierend, die vier jungen, arabisch anmutenden Männer vor der Tat beim entrückten Beten zu zeigen? Oder ist es eine legitime Verlängerung der "Alahu Akhbar"-Rufe im Flugzeug, für die es Zeugen gibt? Wirken sie nur zufällig so fremd vor den schreienden Werbeplakaten am Flughafen, die zu freizügigem Konsum auffordern? Oder stellt sich hier ganz unterschwellig die Frage nach den Hintergründen der Tat, nach der Wurzel des Hasses auf die USA und ihr Wirtschaftssystem?
Dass die Opfer Gesichter ganz normaler Amerikaner bekommen, macht den Film schwer; dafür wirkt die Zivilcourage dieser Menschen umso tiefer. Und wieder lässt Greengrass beides offen: dass die Nation zusammenrückt, Bush seine Überwachungsexzesse verzeiht, oder dass sie erst recht aufbegehrt gegen die Einschränkung der Bürgerrechte für den Kampf gegen den Terror.
Empfehlen kann man den Film nur unter Hinweis auf Risiken und Nebenwirkungen: Wer es wagt, "Flug 93" anzuschauen, dem ist ein Absturz sicher.
Bernd Haasis
01.06.2006 - aktualisiert: 01.06.2006 11:05 Uhr