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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.06.2006

Das Schloss im Himmel

Der Mensch, die Macht und die Natur

Aus einem Luftschiff fällt Sheeta, ein Waisenmädchen, scheinbar in den sicheren Tod - doch dank eines magischen blauen Steins, den sie um den Hals trägt, schwebt sie langsam zu Boden und landet sicher in den Armen des Arbeiterjungen Pazu. Schon bald müssen beide nicht nur vor einer Bande Luftpiraten fliehen, auch das Militär und der mysteriöse Regierungsbeamte Musca sind ihnen auf den Fersen. Denn der Stein ist Schlüssel zu dem sagenumwobenen, im Himmel schwebenden Königreich Laputa, für das sich die Verfolger aus sehr unterschiedlichen Motiven interessieren.

In Japan gilt Hayao Miyazaki schon seit den 70ern als Visionär des Animé-Films, hier zu Lande wurde der Regisseur jedoch erst in den letzten Jahren einem breiteren Publikum bekannt - mit ebenso wundersamen wie faszinierenden Filmen wie "Prinzessin Mononoke", "Chihiros Reise ins Zauberland" oder zuletzt "Das wandelnde Schloss".

Nun kommt mit "Das Schloss im Himmel" von 1986 ein früher Klassiker des Japaners ins Kino. Was die Handlung angeht, könnte man ihn im Vergleich zu den erstgenannten Streifen schon fast als konventionell bezeichnen - als Fantasy-Abenteuerfilm, in dem sich Action-geladene und humorvolle Episoden abwechseln, dessen Dialoge man sich ab und an etwas weniger naiv und albern wünscht, der aber dennoch bis zum Schluss spannend bleibt.

Weit atemberaubender als die Geschichte ist die Optik: Mit überbordender visueller Fantasie und Detailverliebtheit kreiert Miyazaki, inspiriert unter anderem von den Werken Jules Vernes, eine Science-Fiction-Welt, wie man sie sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts ausgemalt haben könnte: Bizarre, dampfgetriebene Luftschiffe haben den Himmel erobert, die Bev¸lkerung haust dicht gedr¸ngt in Quartieren an den Berghängen, umgeben von einem Gewirr qualmender Schlote. Für Letztere standen Industriereviere in Wales Pate, für das Milit¸r das wilhelminische Deutschland: Neben pickelhaubigen Soldaten erscheint der specknackige und Monokel tragende General als universelles Stereotyp des Militarismus.

Am faszinierendsten ist die schwebende Insel Laputa mit ihren Versatzstücken aus antiker und futuristischer Architektur. Grundidee und Namen hat Miyazaki aus Jonathan Swifts "Gullivers Reisen" entnommen, ohne sich inhaltlich an der Vorlage zu orientieren. Vielmehr greift er, neben den Themen Machtgier und -missbrauch, bereits ein Motiv seiner späteren Filme auf: das Verhältnis von Technik und Natur. So gleichen die wuchernden Industriegebiete klaffenden Wunden in der ansonsten idyllischen Landschaft, während die Kampfroboter Laputas zu einem fürsorglichen Zusammenleben mit der Natur gefunden haben - allerdings erst nach dem Verschwinden ihrer menschlichen Herren.
 

Oliver Stenzel

08.06.2006 - aktualisiert: 08.06.2006 10:54 Uhr

 


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