Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.06.2006
Iberia
Spürbare Spannung zwischen Diven
Große Namen werfen nicht immer große Schatten voraus: Carlos Saura hat mit "Carmen" (1983) und "Flamenco" (1995) schon zwei erfolgreiche Musikfilme gedreht, doch mit "Iberia" ist ihm kein großer Wurf gelungen. Formal als Reise durch die Regionen Spaniens erdacht, lässt der Regisseur in einem Hochglanzstudio vor überästhetisierter Ausstattung - für die er ebenfalls verantwortlich zeichnet - Iberias tanz- und gesangsbegabte "Kinder" in nicht enden wollenden Szenen antreten.
Die Probensituationen sind in einer Art Werkstattcharakter konzipiert, wirken aber wenig authentisch. Da treffen so bekannte spanische Tänzer und Choreografen wie Sara Baras, Antonio Canales und José Antonio aufeinander und auf Musiker wie Manolo Sanlúcar und Flamenco-Jazz-Stars wie Chano Dominguez, die bis zu diesem Film noch nie miteinander gearbeitet haben - und bald entwickelt sich dank der enormen Konkurrenz der Diven beiderlei Geschlechts eine ziemlich deutlich spürbare Spannung.
Carlos Saura bezeichnet seinen 91-Minuten-Streifen als Musical; doch die Melange aus klassischem Ballett sowie zeitgenössischem spanischem Tanz und Flamenco hat keinen erzählerischen roten Faden. Musik und Tanz allein sollen erzählen - was vermutlich nur für Liebhaber der Szene spannend sein kann.
Zum Schluss explodiert das Studio: Aus Sprinkleranlagen darf es tüchtig regnen, die Kamera hält ihr Auge in enorme Blitze, die "Gallos" exponieren sich bei Gesangsposen, die Flamenco-Tänzerinnen lassen ein letztes Mal ihre Absätze knallen, was die Wirbelsäulen hergeben, und der Regisseur bedient all die Klischees, die wir schon längst abgelegt hatten.
Brigitte Jähnigen
08.06.2006 - aktualisiert: 08.06.2006 10:56 Uhr