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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 27.07.2006

Fluch der Karibik 2

Piraten, Menschenfresser und Seeungeheuer

Eine derart irrwitzige Jagd nach einer Schatzkiste hat die Karibik noch nicht gesehen: Ein jugendlicher Held, ein Piratenkapitän, ein britischer Offizier mit Rehabilitierungsabsicht, verlauste Seeräuber und blutrünstige Seemonster streiten sich da nicht nur um das Behältnis, sondern auch um den Schlüssel und den ominösen Inhalt - bis diesseits wie jenseits der Leinwand vollkommene Verwirrung herrscht. In solchen Sequenzen ist Gore Verbinski mit seiner Fortsetzung der Piratenfilm-Persiflage "Fluch der Karibik" die Steigerung gelungen, die er wohl erreichen wollte.

Da fliehen Piraten aus Knochenkäfigen vor Menschenfressern, da fechten zwei auf einem Mühlrad, das sich löst und quer über eine Palmeninsel rollt, da verschlingt ein Seeungeheuer ganze Galeonen: Das ist feine Unterhaltung mit hohem Schauwert, üppig ausgestattet, komisch, bunt und spannend inszeniert. Allerdings fehlt diesmal das Amalgam, das die Slapstick-Nummern zusammenhält. Gute Gags allein machen noch keine Persiflage, und Teil eins von "Fluch der Karibik" war ja deswegen so gelungen, weil der Film einer Genre-typischen Handlung folgte, weil die Dramaturgie stimmte und die Figuren, fein überzeichnete Stereotypen, darin eingebettet waren.

Diesmal nun wirken ihre Handlungen oft unmotiviert, weil sie in einem reichlich undurchsichtigen, überfrachteten Plot agieren, der auch durch lange Erklärungen im Dialog nicht interessanter wird. Oft wünscht man sich, es möge jetzt endlich weitergehen mit der schillernden Illusion und dem Kinoerlebnis, das man als Zuschauer erwarten darf von dieser Art Film.

Anfangs wirkt die Geschichte simpel. Die Briten wollen Jack Sparrow, genauer: seinen Kompass, der die Richtung des Herzens anzeigt; also stellen sie Will Turner vor die Wahl: Entweder, er bringt ihnen das begehrte Stück, oder er und seine frisch angetraute Elizabeth werden als Kollaborateure des Piraten hingerichtet. Das hätte als Handlung völlig ausgereicht, doch bald geht es um ganz anderes. Der fliegende Holländer kommt ins Spiel, dessen Besatzung statt aus Skeletten aus Meerestier-Mutanten besteht, die ominöse Schatzkiste rückt ins Zentrum des Interesses, verlorene Väter und Voodoo-Priesterinnen tauchen auf und die bereits erwähnten Kannibalen, die gar keine Bindung zur Handlung haben.

Übrig bleiben die Hauptfiguren, und auch die haben mit alldem ihre Schwierigkeiten. Wenn Johnny Depp als verpeilter Pirat Jack Sparrow durchs Wirrwarr wankt, als wisse er nicht, wo er eigentlich hinwill, wird er zum Sinnbild für den ganzen Film. Dass er sich dabei vom Chaoten zum handfesten Betrüger und Verräter wandelt, geht darüber fast verloren. Orlando Bloom leidet darunter, dass seine Figur Will Turner, der eher zufällig zum Helden mutierte Schmied, ernsthafte Probleme bekommt und ohne Ironie nur zum Abziehbild werden kann. Keira Knightley hat starke Auftritte als hübsche Gouverneurstochter Elizabeth Swann, die zwar prächtige Kleidchen trägt, aber die Dinge selbst in die Hand nimmt, wenn die Kerle mal wieder raufen müssen. Allerdings wirkt sie oft, als hätten Drehbuch und Regie nicht recht gewusst, was sie mit ihrer Figur anfangen sollen.

Das Stückwerk endet konsequent: Mittendrin, wo der dritte Teil beginnen wird. Auf selbigem ruhen nun alle Hoffnungen, die trügerisch sein können, wie etwa "Matrix" gezeigt hat. Noch hat Verbinski seine bravourös gestartete Reihe nicht in den Sandstrand gesetzt, noch wiegt der hervorragend in Szene gesetzte Klamauk vieles auf. Vielleicht hatte er ja nur vorübergehend seinen Gefühlskompass verlegt.
 

Bernd Haasis

27.07.2006 - aktualisiert: 27.07.2006 11:53 Uhr

 


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