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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 03.08.2006

Volver - Zurückkehren

Männerlose Frauen blicken zurück in die Zukunft

Das spanische Wort "volver" heißt "zurückkehren". Pedro Almodãvar zog es einst aus der Ödnis von La Mancha ins pulsierende Madrid, und auch die Frauen in seinem jüngsten Film haben die Flucht ergriffen vor sozialer Kontrolle, Klatsch und Aberglauben auf dem Land; doch sie müssen dorthin zurückkehren, sich Verdrängtem stellen, um es endlich als Ballast abwerfen zu können.

Almodãvar lässt ihnen keine Ruhe, ehe sie nicht alles offenbart, alle losen Enden angeknüpft haben. Er spinnt ein komplexes Netz aus Motiven um seine Protagonistinnen, lässt sie darin zappeln und sich befreien, ohne dass nur eine Frage offen bliebe: Mord, Betrug, Inzest, Lügen - alles verliert seinen Schrecken. Um eine Gesellschaft im Umbruch geht es da, um den Zusammenhalt männerloser Frauen in einem tristen Stadtviertel, die überleben wollen, ohne ihre Würde und ihre Nerven zu verlieren. Im Zentrum steht Raimunda, die sich und ihre halbwüchsige Tochter mit miesen Jobs und großem Organisationstalent über Wasser hält. Ihr arbeitsloser Freund hängt ihr wie ein Klotz am Bein. Als er unverhofft verschwindet und zugleich ihre alte Tante im Haus ihrer Kindheit stirbt, öffnet sich das Tor zur Vergangenheit.

Mit unbändiger Energie spielt Penelope Cruz diese Frau, die alle Probleme beiseite räumt, ohne lange zu fackeln, und die doch schwache Momente zulassen kann, ohne sich zu verlieren. Zugleich spiegelt sich in ihrem Gesicht ein schlummernder Kummer, besonders dann, wenn sie nach Ausflüchten sucht. Almodãvar hat die Hollywood-Heimkehrererin bereits in "Alles über meine Mutter" in einer Nebenrolle zum Leuchten gebracht, nun hat sie ihm dafür die vielleicht reifste Leistung ihrer Karriere geschenkt - und zum ersten Mal sieht sie nicht mehr aus wie ein Mädchen, sondern wie eine Frau.

Ebenso eindrucksvoll ist die Darbietung Carmen Mauras, die als Raimundas Mutter mit wirren weißen Haaren, Kittelschürze und Stützstrümpfen als Geist aus dem Jenseits wieder auftaucht. Lola Duenas überzeugt als ungleiche Schwester Sole, die in Schwarzarbeit Haare schneidet, zögerlich durchs Leben treibt und bisweilen doch klarer sieht als die kraftstrotzende Raimunda. Yohana Cobo als Tochter Paula gelingt es, das Dilemma pubertierender Töchter ohne Väter auf den Punkt zu bringen: "Ich habe Probleme mit dem Heranwachsen", sagt sie altklug, wenn ihre Mutter in der Hektik den Blick fürs Kind zu verlieren droht.

Almodãvar inszeniert seine Damen weniger glamourös als François Ozon in "8 Frauen", aber nicht minder intensiv. Sorgsam und liebevoll geht er mit seinen Figuren und ihren Schicksalen um, das zeigt er im Gegenentwurf: Wenn die krebskranke Dorfnachbarin Agustina (Blanca Portillo) im Scheinwerferlicht einer TV-Talk-Show sitzt, gelockt durch die Verheißung einer Behandlung in einer Spezialklinik, ist förmlich mit Händen zu greifen, wie viel sie zerstören würde, wenn sie an diesem Ort Geheimnisse ausplauderte.

Almodãvar zeigt die Stadt als Unort der Wohnsilos, die Dorfstraße als Front geschlossener Mauern und Holztüren, hinter denen sich Obskures verbirgt. Jedes Detail hat seinen Ort und seine Zeit, und bisweilen sieht der Zuschauer die Dinge von oben, als blicke er aus dem Himmel auf die Lebenden herab: wie die Dorfweiber die neu ankommende Sole bei der Totenwache allzu stürmisch abküssen, wie Raimunda das große Küchenmesser allzu sorgfältig abwäscht.

Unnachahmlich leichtfüßig und mit feinem Humor löst Almodãvar die vermeintliche Schwere des menschlichen Daseins auf, bis nur ein Seufzer übrigbleibt: Hurra, wir leben noch!
 

Bernd Haasis

03.08.2006 - aktualisiert: 03.08.2006 10:45 Uhr

 


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