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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 17.08.2006

Der Hals der Giraffe

Schatten der Vergangenheit

Das Leben ist es wert, gelebt zu werden, trotz Schmerz und unerfüllten Sehnsüchten. Oder gerade deshalb. Am Ende steht die Hoffnung. Und Charaktere, die eine Katharsis erfahren haben und gestärkt aus dem Durchlittenen hervorgehen. Das zu vermitteln, darin sind die Franzosen Meister. Selbst Nachwuchsregisseure wie Safy Nebbou beherrschen die Kunst des Psychologisierens. Sein Debütfilm "Der Hals der Giraffe" erzählt von solch einer Katharsis. Dabei nutzt Nebbou eine solide Filmsprache, geht keine Experimente ein und greift vielmehr auf bewährte Handlungsmuster und Schauspieler zurück. Trotzdem gelingt es ihm, eine spannende und vielleicht nicht neue, aber doch in neuem Gewand erscheinende Geschichte zu erzählen.

Im Mittelpunkt steht die neunjährige Mathilde, die sich aufmacht, ihre verschollene Großmutter zu suchen. Bislang wurde von ihr immer erzählt, sie sei tot. Aber Mathilde findet zahlreiche Briefe, an ihren Großvater adressiert, die das Gegenteil beweisen. Die Wahrheit ist, dass die Großmutter Ehemann und Tochter wegen eines anderen verließ. Zwar bereute sie schnell und wollte wieder zurückkehren, doch ihr tief verletzter und verbitterter Ehemann wies sie ab. Auch die Tochter, heute eine allein stehende Frau und Mutter von Mathilde, konnte ihr nie verzeihen. Die kleine Mathilde aber ist fest entschlossen, ihre Großmutter kennen zu lernen, und schafft es sogar, ihren mittlerweile im Altersheim lebenden Großvater zu überreden, sich mit ihr auf die Suche zu begeben.

Vieles erscheint da vertraut, die Szenen im Altersheim, das Kind und der alte Mann, die Suche nach einer alten Liebe, das Kind, dessen unvoreingenomme Taten Läuterung und auch Erlösung herbeiführen. Trotzdem gelingt es Nebbou, das Bekannte auf besondere Art zu gestalten, zum großen Teil dank der hervorragenden Schauspieler, allen voran der kleinen Louisa Pili alias Mathilde. Sie spielt die wunderbare Sandrine Bonnaire, die als ihre Mutter zu sehen ist, nahezu an die Wand.

Die Charaktere sind liebenswert, die Handlung anrührend, manchmal fast idyllisch. Es geht zwar um die kleinen und großen Schmerzen, die einem das Leben zufügt, um verpasste Chancen und unerwiderte Liebe, menschliche Schwächen und darum, über seinen eigenen Schatten zu springen; doch diese Welt, die aus den Fugen gerät, darf hier auch - in gewissem Umfang - heilen.
 

Eva Maria Schlosser

17.08.2006 - aktualisiert: 17.08.2006 12:40 Uhr

 


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