Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 24.08.2006
Miami Vice
Don Johnson wäre das so nicht passiert
Um es gleich vorwegzunehmen: Mit der gleichnamigen Kult-Fernsehserie der 80er Jahre hat dieser Film so gut wie nichts gemeinsam, außer den Namen der Hauptfiguren. In gewisser Hinsicht ist er sogar das genaue Gegenteil. Durchaus erstaunlich, denn Michael Mann ("Collateral"), der bei der Kino-Adaption Regie geführt hat, war damals der Produzent der Serie.
Für die große Leinwand hat er den einleitenden Zweiteiler der zweiten Staffel gewählt, in der es die eigenwilligen Detectives Sonny Crocket und Ricardo Tubbs mit kolumbianischen Kokainschmugglern zu tun bekommen. Sie tauchen undercover als Kuriere in den Drogenring ein, Crocket hat eine Affäre mit einer Gangsterbraut, und es wird zwischendurch heftig geballert.
Im Original sieht das so aus: Don Johnson und Philip Michael Thomas geben unbestechliche Streiter für Recht und Gerechtigkeit, die nicht zimperlich sind, was den Gebrauch ihrer Waffen angeht. Sie sind stets gut frisiert, tragen teure Anzüge, Oberteile, Hosen, Socken und Schuhe in den Pastellfarben Gelb, Pink, Türkis und Veilchen. Sie tragen ihre Outfits mit Grazie, Crocket alias Johnson bricht die Herzen anderer und nicht umgekehrt. Sie bewegen sich durch eine völlig artifiziell anmutende 80er-Jahre-Bonbonniere mit Bars und Hotelzimmern, deren Innenausstattung - in den genannten Farben - heute surreal erscheint.
2006 bietet sich ein völlig anderes Bild. Bei der Adaption der Cop-Serie "Starsky & Hutch" (2004) durfte im Kino das Ambiente der 70er Jahre wieder auferstehen, "Miami Vice" aber hat Michael Mann humorfrei in die Gegenwart geholt. Der gesamte Look wirkt nun zeitlos - doch ohne den Weichzeichner-Charme der 80er Jahre erscheinen Figuren und Plot beliebig, austauschbar.
Der hundeäugige Colin Farrell ("Alexander") ringt als Sonny Crocket um Coolness und verliebt sich in die Drogenbaronesse, während Jamie Foxx ("Ray") als Ricardo Tubbs kaum weiß, wohin mit seinem Talent, weil ihn das Drehbuch heillos unterfordert. Sie sind gut frisiert, tragen farbarme Mode der Gegenwart und bewegen sich durch ein düsteres Unterwelt-Ambiente, während sie auf locker getrimmte Dialoge sprechen.
Technisch ist Michael Mann über jeden Zweifel erhaben. Er hat brillante, wenn auch sehr plakative Bilder kreiert und seine Helden wiederholt vor spektakuläre Hintergründe drapiert wie ein Modefotograf. Die Action ist dosiert, aber heftig, Geschosse reißen ganze Extremitäten ab, eine nervöse Wackelkamera soll Dynamik erzeugen.
Doch alles bleibt kühle Oberfläche, interesant ist allenfalls die Liebesgeschichte: trivial, unwirklich, feurig - eine Amour fou im besten Sinn. Weltklasse, wie die Chinesin Gong Li ("Die Geisha") als Isabella dem staunenden Crocket alias Farrell den Kopf verdreht, mit welcher Intensität sie sich ihm hingibt. Darauf hätte Mann sich konzentrieren können, aber dann unter einem anderen Titel als "Miami Vice". Don Johnson wäre das so nicht passiert.
Bernd Haasis
24.08.2006 - aktualisiert: 24.08.2006 11:24 Uhr