Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 07.09.2006
Cars
Ein Fremder kommt in ein Kaff
Dort, wo viele den begrabenen Hund vermuten, schlägt die Lebensader der USA: Im staubigen Smalltown America, in dem jeder für jeden da ist, in dem Freundschaft und Familie wichtiger sind als schnelles Geld in der Einsamkeit des Rampenlichts. Das jedenfalls wird in "Cars" behauptet, dem neuen Animationsfilm aus dem Hause Pixar, bislang ein Garant für gewitzte, dramaturgisch dichte Stoffe mit Herz ("Findet Nemo", "Die Unglaublichen"). Nun stößt das Studio erstmals an Grenzen - was formelhafte Geschichten angeht wie auch die beliebige Formbarkeit von Trickfiguren.
"Cars" ist ein klassischer Western und Heimatfilm: Ein Fremder kommt in ein Kaff und verursacht Ärger, doch die Bewohner öffnen ihm die Augen dafür, was zählt im Leben. Als er das verstanden hat, verändert er erst sich selbst und dann das Dorf. Hier ist es der egomanische Rennwagen Lightning McQueen, ein Heißsporn ohne Freunde, der im Wüstenkaff Radiator Springs festsitzt, in das niemand mehr kommt, seitdem die Autobahn die legendäre Route 66 abgelöst hat.
Die Dörfler sind Charaktere wie aus dem Lehrbuch: eine kauzige Witwe (klappriger Oldtimer), ein brummiger Richter (bullige Limousine), ein herzensguter Autoschrauber (Abschleppwagen), ein Althippie (bemalter VW-Bus), ein Kriegsveteran (Army-Jeep), eine junge Schöne (himmelblauer Porsche). Ein perfektes Ensemble, in dem jeder genau das tut, was man erwartet. Der Film ist ein einziges nostalgisches Zitat, erinnert nicht nur an die gute alte Zeit des Westerns, sondern auch an die des Kinos, als es noch ganz einfach zu machen war.
Zudem sind die Darsteller allzu putzig geraten und in ihrer Ausdruckskraft eingeschränkt - die Mimik auf Windschutzscheibe und Kühler stößt schnell an Grenzen, und die einzig mögliche Geste ist das Ausstellen der Reifen. Der malerische Südwesten an der Route 66 wirkt lieblich überstilisiert wie in der Tabakwerbung, wo Echtheit auch nur eine Illusion ist - gerade so, als sei Pixar dem Werben des Partners Disney erlegen, endlich harmlose Familienfilme ohne Ecken, Kanten und Brüche zu drehen.
"Cars" ist nette Unterhaltung, leicht sentimental, mit harmlosen Gags. Der Kommentar zum hektischen Leben erschöpft sich in der Glorifizierung der Provinz - aber wer möchte schon leben, wo das nächtliche Umwerfen schlafender Kühe (hier: Traktoren) die einzige Attraktion ist? Da hat die Konkurrenz von Dreamworks mit ihrer frechen Satire "Ab durch die Hecke", in der Waldtiere dem Reiz menschlichen Junk-Food erliegen, eindeutig die Nase vorn.
Und die Autorennen? Sind nur eine Klammer, Metapher für die Verlockungen von Ruhm und Geld. Und selbigen sind schon routiniertere Filmemacher als John Lasseter ("Toy Story") erlegen.
Bernd Haasis
07.09.2006 - aktualisiert: 07.09.2006 11:18 Uhr