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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.09.2006

Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders

Das Scheusal bleibt unnahbar

Kaum war Patrick Süskinds Roman "Das Parfum" 1985 erschienen, da wollte Bernd Eichinger den Stoff schon verfilmen. Der Autor lehnte ab und hielt lange durch - noch 1997 schrieb er als Co-Autor für Helmut Dietls "Rossini" einen Filmproduzenten ins Drehbuch, der einen Autoren belagert, dessen Roman er verfilmen möchte. Nun hat Süskind aufgegeben - der manische Parfümeur und Serienkiller Jean-Baptiste Grenouille kommt ins Kino.

Einige große Szenen sind dem ewigen Regie-Talent Tom Tykwer ("Lola rennt") gelungen: Wie Grenouilles erstes Opfer ihn, der selbst keinen Eigengeruch hat, nicht bemerkt, obwohl er direkt hinter dem Mädchen steht, wie der Parfümeur Baldini Grenouilles erste Kreation öffnet und sich in einem Blütengarten wähnt, wie Grenouilles späterer Chef ihn zurechtweisen möchte, ihn ein Tropfen Parfüm aber plötzlich milde stimmt, wie Grenouille ein flüchtendes Opfer wittert und selbiges seine Präsenz aus der Ferne spürt, wie er zur eigenen Hinrichtung schreitet, mit seinem Parfüm den ganzen Platz betört und eine orgiastische Massenhysterie auslöst - all das ist großes Kino.

Tykwers Bilder wirken ohne Worte, er setzt Musik bewusst ein und auch aus, und die betörende Wirkung der Düfte ist in Gestalt von Flakons, Farben, Blüten zumindest ahnbar. Auch die historischen Kostüme und die Kulisse stimmen, der stinkende Fischmarkt, die überladene Parfümerie, die Lavendelfelder von Grasse.

Trotzdem ist der Film äußerst zähflüssig geraten. Zum einen schmälert Tykwer die Wirkung vieler Szenen durch einen Erzähler (Otto Sander), der überflüssigerweise genau das vorliest, was man ohnehin sieht. Hat Tykwer seinen eigenen Bildern nicht getraut? Oder hat Produzent Bernd Eichinger gefürchtet, das Publikum könne nicht alles selbst entschlüsseln? Oder wollten beide Patrick Süskind Raum geben, dem besonderen Ton, der Magie seines Textes? Dazu hätte eine Leseprobe vorab oder zum Schluss gereicht - wo der Text parallel läuft, entwertet er die Bilder.

Das zweite Problem liegt tiefer und ist im Buch angelegt: Es findet kaum Charakterentwicklung statt. Eine geschundene Kreatur stellt fest, dass niemand sie wahrnimmt, und macht sich ihren besonderen Geruchssinn zu Nutze, um das Geliebtwerden zu erzwingen, indem sie Jungfrauen ermordet und deren Geruch als Parfüm konserviert - und bleibt dabei vollkommen unnahbar.

Alle anderen Figuren sind nur Staffage, da hilft keine Starbesetzung. Dustin Hoffman darf als abgehalfterter Parfümeur Baldini zumindest eine verlogene Diva geben; aber Alan Rickman als treu sorgender Vater einer sehr wohl riechenden Tochter, Rachel Hurd-Wood als ebendiese, Karoline Herfurth als Mirabellenmädchen, Co- rinna Harfouch als Parfümeurin - sie alle haben wenig, womit sie spielen könnten, denn ihre Figuren sind eindimensional angelegt.

Das macht die Geschichte - schon wieder zweieinhalb Stunden, wo 90 Minuten gereicht hätten - langatmig. Hätte Tykwer nur alles so rasant gefilmt wie die Serienmorde in Grasse: Sauber abwechselnd montiert sieht man da die wachsende Panik der Bürger, je mehr tote Mädchen gefunden werden, und Grenouille, der stoisch weitermordet für seine Kollektion. Hätte Tykwer nur mehr Mysteriöses, Doppelbödiges gewagt, um betörende Düfte zu bebildern und menschliche Innenansichten zu offenbaren, wo geweitete Nüstern nur deren Oberfläche zeigen, hätte er nur die Orgie nicht so betont jugendfrei inszeniert, Grenouilles kannibalisches Ende nicht gar so ungruslig; nicht auszudenken, was Kubrick, Lynch oder Greenaway daraus gemacht hätten.

Ein letztes Handicap sind die Leichen. Von toten jungen Mädchen zu lesen ist eine Sache, sie auf der Leinwand herumliegen zu sehen eine völlig andere. Da fällt es weit schwerer zu glauben, irgendjemand könne diesem Scheusal verzeihen, egal wie verführerisch der Duft seines Parfüms sein mag.

Eichinger hat schon manches angeblich unverfilmbare Buch auf die Leinwand gebracht, bravourös "Der Name der Rose" (1985), respektabel "Elementarteilchen" (2006). Diesmal aber, bei seinem international angelegten Herzensprojekt, ist er an Grenzen gestoßen. Der Autor Süskind mag das geahnt haben - es wird sein Geheimnis bleiben, wieso er Eichingers Werben trotzdem nachgegeben hat.
 

Bernd Haasis

18.09.2006 - aktualisiert: 18.09.2006 10:46 Uhr

 


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