Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 28.09.2006
World Trade Center
Eine vertane Chance
Er ist der Herr der Bilder - kaum ein anderer Filmemacher spielt so virtuos mit ihnen wie Oliver Stone: der Blutrausch der Vietnam-Krieger in "Platoon", die sauber montierten Was-wäre-wenn-Mordhypothesen in "JFK", die bis dahin beispiellose, mit finsteren Visionen gespickte Gewaltorgie "Natural Born Killers", die hochglänzende Schneller-höher-weiter-Berichterstattung des Sportfernsehens in "Any Given Sunday" - alles "larger than life", überlebensgroß, und doch aus der Realität gegriffen.
Die erste halbe Stunde von "World Trade Center" ist von ähnlicher Qualität. Die gespannte Erwartung des Unheils steckt schon in den Ansichten der Hochhausschluchten von Manhattan, bevor überhaupt etwas passiert ist. Und als die Flugzeuge in die Türme einschlagen, zeigt Stone nicht die abgenutzten Bilder, er lässt die Erde erzittern und die darauf stehenden Menschen erschaudern, Papiere und Staub durch die Luft fliegen, ehe das Inferno losbricht über seinen Hauptdarstellern, einem kleinen Trupp von Rettungskräften.
Zwei Polizisten überleben, eingeklemmt unter Trümmern. Sie haben keinen Sichtkontakt, versuchen aber, sich gegenseitig wach zu halten - wer dem Schlafbedürfnis nachgibt, stirbt. Draußen warten Angehörige auf Nachricht, hoffen und bangen, und alle rekapitulieren die gemeinsamen Jahre mit dem Partner, dem Vater, dem Sohn, der Familie. Einem der Verschütteten erscheint sogar Jesus höchstpersönlich.
Nun ist der Film ein Melodram an der Grenze zum Kitsch, eine Hommage an kleine Leute, die ihr Leben für andere riskieren. Stone bleibt konsequent bei den Menschen wie seine Stars, für die in so einem Streifen kein Platz ist: Nicolas Cage als Verschütteter wie Maria Bello und Maggie Gyllenhaal als Ehefrauen stellen sich ganz in den Dienst des Films und seiner Figuren.
In den USA wird Stone nun als Heimkehrer gefeiert, der sich besonnen hat; in Europa hat man mehr von ihm erwartet, zumal er eine Aufarbeitung der Ursachen für "9/11" angedroht hatte. An die Verdienste derer zu erinnern, die die Last solcher Konflikte tragen, ist aller Ehren wert; sich als politischer Mensch keine Haltung zu erlauben, eine vertane Chance.
Bernd Haasis
28.09.2006 - aktualisiert: 28.09.2006 12:27 Uhr