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Imre Kertész

Dossier K.

STN ExklusivDie Vergangenheit ist nie tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen. Schon deshalb nicht, weil es Dinge neu zu klären gibt, scheinbar Bekanntes zu hinterfragen, scheinbar Unbekanntes als nur verdrängt zu realisieren. "Der Überlebende ist eine Ausnahme." Dies sagt nicht eine Romanfigur, das sagt Imre Kertész. Und zeichnet den Überlebenden als Ungeheuerlichkeit, als einen, den es nicht hätte geben dürfen, als einen Einzelnen, der ein Einzelner bleiben muss. Zwangsläufig. Weil er nicht zurückkann. Nicht zurück in dieses Leben davor.

Kunstvoll hat der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002 in seinen Romanen die Ungeheuerlichkeit des Überlebens zu begreifen versucht. Kulminierend schließlich im "Roman eines Schicksallosen". Und nun? Befragt sich Kertész noch einmal. Ganz direkt. Inszeniert Frage und Antwort, um die Begründung noch klarer ausfallen zu lassen, warum er nun die kunstvolle Verschränkung meidet. Er hat mich ja gefragt, könnte Kertész antworten, sich selbst antworten.

So wächst es an, das "Dossier K.", das Hintersinn vor allem in den Titel und in den Untertitel ("Eine Ermittlung") steckt. Kertész befragt sich selbst und thematisiert doch zugleich die Grenze zum Verhör. Was ist wie gemeint, wie gefragt? Wo muss es viele Antworten geben können - und wo kann es nur eine Antwort geben? Etwa auf die Frage nach seiner Ablehnung des Wortes, des Begriffs, der im Unsagbaren liegt. "Holocaust". "Man wagt", schreibt Kertész nun, "das, was geschehen war, nicht beim Namen zu nennen." "Die Vernichtung der europäischen Juden." Stattdessen "hat man ein Wort gefunden, dessen Inhalt man zwar nicht versteht, für das man jedoch einen rituellen, inzwischen unantastbar gewordenen Platz in unserer begrifflichen Vorstellung eingerichtet hat, den man nun wie ein Hofhund verteidigt".

Dabei ist, um mit Kertész zu sprechen, nur allzu leicht zu übersehen, dass es erstens keine gerechte Diktatur geben kann und dass zweitens eine Diktatur ihren eigenen Gesetzen folgend immer auch die Logik von Todeslagern in sich trägt. Das "Dossier K." formuliert dieses souveräner noch als Kertész" Romane. Die Fiktion des Dokuments also erfüllt ihren Zweck, der Autor kann zu seinen Träumen und seinen Irrtümern stehen.

16 Jahre alt ist Imre Kertész, als die Panzer General Pattons am 11. April 1945 Buchenwald erreichen. "Es war sonderbar, in Buchenwald die ergriffenen, bestürzten Reporter über Buchenwald reden zu hören." Und: "Es war sonderbar, in die Menschlichkeit zurückzukehren." Der 16-Jährige vertraut dieser Menschlichkeit - und findet sich drei Jahre später erneut in einem System wieder, das nicht anders skizziert werden kann als eine Diktatur. Immer neue Fragen provoziert dies, und doch ist Kertész noch nicht fertig mit der Unlogik seiner Rettung, die doch der Logik der Todesmaschinerie gänzlich unverständlich gegenübersteht.

Totalität als Quelle von Vernichtung befragt Kertész, sucht den Ansatzpunkt für das, was Einhalt gebieten könnte. Wenn dies aber nicht Gott sein kann, was dann? Und wie soll man gleichzeitig verstehen, dass man selbst für dieses nicht zu Erreichende schreibt, darauf hin schreibt und das Hoffen ins Konkrete erhebt? In "Dossier K." befreit sich Kertész zuletzt von solchen Gedanken. Für einen Moment tritt er von seiner eigenen Figur zurück, aus ihr heraus. Doch man ahnt, dass auch dort auf der Hotelterrasse Imre Kertész zuletzt ratlos bleiben muss und auf eigene Beobachterweise allein. Die Menschen, sie haben ihm zu viel versprochen, 60 Jahre lang. So ist "Dossier K." Ausweis bitterer Logik, schonungslos als "Ermittlung" in der Sache Mensch.
 

Nikolai B. Forstbauer, STN vom 04.10.2006

06.10.2006 - aktualisiert: 21.09.2007 13:45 Uhr