Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 12.10.2006
Der Teufel trägt Prada
Unschuld vom Lande gerät an die Haute Couture
Hollywood kann"s doch noch: Endlich wieder ein großer Unterhaltungsfilm, der die Zuschauer mitnimmt auf eine Reise, sie ohne jede Anstrengung träumen, mitfiebern, schmunzeln, bangen lässt. Der Plot ist klassisch. Andy Sachs, unscheinbare Unschuld vom Lande, lebensfroh und idealistisch, möchte Journalistin werden. Eher zufällig wird sie beim führenden New Yorker Modemagazin "Runway" engagiert und zur Assistentin der Modepäpstin Miranda Priestly, ein Job, "für den Millionen Mädchen sterben würden", was die nicht modebewusste Andy zunächst nicht versteht.
Bald aber ergreift die Welt des schönen Scheins Besitz von ihr. Sie arbeitet nonstop, verändert sich nicht nur äußerlich, vernachlässigt ihre Lieben, belügt sich selbst, wird in ein Intrigenspiel um Macht, Posten und Egos verwickelt und muss sich schließlich entscheiden: Möchte sie im Haifischbecken der gnadenlosen "Sex and the City"-Welt Karriere machen oder zurück in die warme Sphäre von Freunden und Familie?
David Frankels Film über die Welt der Haute Couture ist bestechend fotografiert, aber weit mehr als eine zum Leben erwachte Modezeitschrift. Die extravaganten Gewandungen werden nicht herausgehoben, sondern sind organische, notwendige Teile der Szenerie. Und wer von Mode so wenig versteht wie die Hauptfigur, braucht sich nicht zu sorgen: Miranda Priestly erklärt das Wichtigste in 30 Sekunden.
Die unvergleichliche Meryl Streep übertrifft sich selbst in dieser Rolle. Mit knappen Gesten und minimaler Mimik bringt sie Zustimmung oder Ablehnung zum Ausdruck, sie verliert kein unnötiges Wort, lässt aber regelmäßig einen Wortschwall sehr präziser Anweisungen auf ihre Untergebenen niederprasseln. Alles muss praktisch schon erledigt sein, während sie es ausspricht, Nachfragen unterbindet sie mit einem knappen "That"s all" - für eine solche Frau zu arbeiten muss die Hölle sein. Streep dabei zuzuschauen, wie sie diese eiskalte, von Zweifeln freie Frau zum schlüssigen Charakter formt, ist ein reiner Genuss - man kann kaum erwarten, bis sie endlich wieder auftritt. Es wäre kein Wunder, wenn sie dafür ihren dritten Oscar bekäme.
Auch sonst hat Frankel eine großartige Besetzung: Stanley Tucci ist großartig als lakonischer Ästhet, der nicht nur die Models anzieht, sondern bald auch die wandlungswillige Andy. Die hat eine eifersüchtige Kollegin namens Emily (Emily Blunt), die allzu verbissen ihr Leben opfert für den Job, Probleme mit ihrem hippiesken Freund Nate, der Äußerlichkeiten für unwichtig hält, und in dem intriganten Journalisten Christian (Simon Baker) einen neuen Verehrer.
Die größte Überraschung aber ist Anne Hathaway in der Hauptrolle. Sie wirkt sehr natürlich und ein wenig naiv, und das passt perfekt, denn Andy versteht ja erst spät, was mit ihr geschieht. Die exklusiven Kostüme trägt sie mit Grazie und einer Selbstverständlichkeit, als sei ihr Outfit gar nichts Besonderes. Sie überzieht nicht, hält das Understatement durch und erinnert mehr als einmal an die Art, wie Audrey Hepburn sich einst durch ihre Filmwelten bewegt hat. Hathaway schafft es mit ihrer unbeschwerten Art sogar, gegenüber Meryl Streep nicht unterzugehen - wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe. "Ich erkenne viel von mir in dir wieder", sagt Miranda Priestly, und Andy antwortet: "Was ist, wenn ich nicht so sein möchte wie Sie?" "Mach dich nicht lächerlich, alle wollen wir sein."
Am Ende steht eine altbekannte Botschaft, neu illuminiert durch diese junge Frau: Jeder Mensch kann frei entscheiden, "ich hatte keine Wahl" ist in einer Zivilgesellschaft in Friedenszeiten meistens eine Ausrede. Wer sich auf die Illusion einlässt - Hollywood trägt wie üblich ein wenig dicker auf als das Leben -, wird beschwingt aus dem Kino kommen.
Bernd Haasis
12.10.2006 - aktualisiert: 12.10.2006 13:19 Uhr