Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 09.11.2006
Children Of Men
Ohne Kinder keine Zukunft
Eine junge Frau sitzt auf einer verrosteten Schaukel, der Spielplatz hinter der verwaisten Schule ist völlig heruntergekommen - hier hat sehr lange kein Kind mehr gespielt, gejuchzt, gesungen. 18 Jahre lang, um genau zu sein, denn die Menschheit ist plötzlich unfruchtbar geworden. Und nun das: Die junge Frau auf der Schaukel ist schwanger - und auf der Flucht vor den Begehrlichkeiten, die die Frucht in ihrem Leib weckt.
Das apokalytische Endzeitszenario des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarãn ("Y tu Mama tambien") spielt im Jahre 2027, es herrscht ein globaler Bürgerkrieg um die letzten Ressourcen. Verbrechen und Polizei, Gewalt und Überwachung sind omnipräsent, und Großbritannien hat sich dank Insellage radikal abgeschirmt gegen massenhafte Einwanderung auch von Kontinentaleuropäern. Ganze Dörfer an der Küste dienen als eingezäunte Abschiebelager, in denen ein anarchisches Eigenleben gedeiht und ein Menschenleben nichts gilt.
Viele Ausgestoßene und keine Kinder, darauf konzentriert sich Cuarãn. Er schickt den desillusionierten Theo (Clive Owen) los, dieses ungeborene Leben und mit ihm die Hoffnung zu retten. Theo lässt sich bitten, ehe er seine Heldenrolle findet und mit der schwangeren Kee auf eine atemberaubend spannende Odyssee geht. Die Widerstände sind enorm, und beim Zuschauen kann einem anders werden, denn die hier gezeigte Zukunft erscheint gar nicht allzu weit weg angesichts des aktuellen Flüchtlingsdrucks auf Europa, des grassierenden Raubtierkapitalismus und der drohenden Klimakatastrophe. Außerdem sieht diese Zukunft, anders als in Filmen wie "Gattaca" oder "Minority Report", gar nicht so dramatisch anders aus als unsere Gegenwart - nur deutlich düsterer und heruntergekommener.
Cuarãn hat offenbar keinen großen Wert darauf gelegt, ein eigenes Design zu entwerfen, was Technik und Mode angeht. Stattdessen setzt er auf wenige eindrückliche Symbolbilder, die womöglich sogar intensiver wirken als eine auf futuristisch gemachte Gesamtoberfläche. Theos Bruder etwa, ein degenerierter Politikmanager, der den Untergang verwaltet und bis zur letzten Minuten in Saus und Braus leben wird, sieht aus seinem Büro im Herzen Londons das riesige aufblasbare Schwein über dem Kraftwerk Battersea, das 1977 das Cover des Pink-Floyd-Albums "Animals" zierte.
Und versteckt mitten im englischen Wald lebt der Eremit Jasper in Gestalt des großartigen Michael Caine, ein langhaariges, lebensfrohes Geschöpf wie aus einer anderen Zeit. Sein ganzes gemütlich-chaotisches Haus gleicht einer humanistischen Enklave, es atmet den Geist vieler Bücher und die hippieske Freiheit des letzten Menschen, der noch selbst Gras anbaut, statt sich mit synthetischen Designerdrogen ruhig zu stellen, wie sie im Fernsehen angepriesen werden.
Dieses Haus und der Bauch der schwangeren Frau sind die einzigen Orte der Wärme in einer Welt der Erstarrung, in der sich jeder selbst der Nächste ist und in der selbst die vermeintlich Guten von ihren Schattenseiten aufgefressen werden. Cuarãn, der schon im dritten Teil von "Harry Potter" bildgewaltig mit Motiven gespielt hat, saugt die Zuschauer ein in den Albtraum, den seine Figuren durchleben, ohne dabei in Verzweiflung zu versinken - immer steht die Möglichkeit im Raum, dass die Schaukel eines Tages entrostet und wieder intensiv genutzt werden könnte.
Bernd Haasis
09.11.2006 - aktualisiert: 09.11.2006 14:14 Uhr