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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 30.11.2006

Little Miss Sunshine

Sonnenscheinchens Odyssee

Familien haben ihre eigene Dynamik. Konträre Charaktere werden da in eine Gemeinschaft gezwungen, die sie sich nicht ausgesucht haben, es kommt zu Missverständnissen und Animositäten, und doch gilt: Blut ist dicker als Wasser. Drehbuchautor Michael Arndt hat eine komische, skurrile und eine erstaunlich ungekünstelt wirkende Filmfamilie erfunden, deren Mitglieder auf ganz unterschiedlichen Ebenen kollidieren. Das Regisseurspaar Dayton/Faris hat ein großartiges Ensemble engagiert und mit kleinem Budget und feinem Humor ein wunderbares Road-Movie inszeniert.

Vater Richard (Greg Kinnear) versucht sich als Motivationstrainer, doch seine "neun Schritte" zum Gewinnertypen klingen stark nach Selbstbeschwörung - niemand will seine Theorie veröffentlichen, und in den Kursen sitzen nur ein paar versprengte Ratsuchende. Sheryl (Toni Collette) versucht derweil, das Familienleben am Laufen zu halten - sie organisiert den Haushalt und verdient nebenbei auch noch den Lebensunterhalt. Sohn Dwayne möchte zur Air Force und hat geschworen, bis dahin nicht mehr zu sprechen. Er kapselt sich ab, liest Nietzsche und wirkt latent suizidal. Opa Ed ist ein Altfreak, ein in der Hippie-Ära hängen gebliebener Freigeist, der gerne mal ein Näschen Kokain und anderes zu sich nimmt. Sheryls Bruder Frank hat gerade einen Suizid-Versuch hinter sich - er ist einer von zwei großen Proust-Experten in den USA, und sein Konkurrent hat ihn nicht nur fachlich ausgestochen.

All diese Menschen steigen gemeinsam in einen klapprigen VW-Bus, um quer durch die USA zu fahren - denn Töchterchen Olive, Zweite beim regionalen Schönheitswettbewerb "Little Miss Sunshine", ist unverhofft in die nationale Endausscheidung in Kalifornien nachnominiert. Sie ist bebrillt, pummlig, geschmacklos gekleidet und offensichtlich chancenlos im vollsynthetischen Märchenland der Barbies und Britneys - aber ein derart reizendes Sonnenscheinchen, dass sie weit mehr gewinnen kann als einen schnöden Schönheitswettbewerb: den Familienfrieden.

Natürlich passiert allerlei Haarsträubendes auf der familiären Odyssee. Mancher lernt da manches über sich selbst und andere, allen voran die Zuschauer, die sich in erster Linie aber köstlich amüsieren dürfen über das sehr menschliche Affentheater, das mit einer überaus erfrischenden Überraschung endet.
 

Bernd Haasis

30.11.2006 - aktualisiert: 30.11.2006 11:14 Uhr

 


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