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Peter Handke

Kali. Eine Vorwintergeschichte

06.02.2007 - aktualisiert: 21.09.2007 13:46 Uhr

Handke Kali
Peter Handke: Kali. Eine Vorwintergeschichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 162 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-518-41877-2
Foto: Verlag

Eine Reise ins Innere der Welt
 

Es ist ein unbestimmtes, ortloses Land, in das Peter Handkes neue Erzählung führt: Nicht jenes "Land vor unserer Zeit", von dem Märchen erzählen, sondern ein Land vor dem Winter. "Kali. Eine Vorwintergeschichte" überschreibt der österreichische Schriftsteller die Erzählung, in der er eine Sängerin durch eine befremdliche, gespenstische Welt gleiten und am Ende fast unbemerkt ein kleines Wunder vollbringen lässt.

Handke erzählt dabei in lyrischer Manier, ohne Spannung aufzubauen oder ein dramatisches Sujet zu verfolgen. Man erfährt nicht viel von dieser Frau, einer Musikerin, die nach ihrem letzten Konzert im Herbst eine Reise ins Nirgendwo antritt. Es ist eine widersprüchliche Zeit - nach einem Krieg, gleichzeitig vor einem Krieg. Schlagzeilen verkünden einen historischen Augenblick: "Erster Menschheitstag ohne einen Toten! Rückkehr ins Paradies!" und in der selben Ausgabe "Das Grauen!".

Nachtwandlerisch, von einem inneren Zwang geleitet, scheinbar lautlos bewegt sich Handkes Figur in einer Welt, die von Auswanderern, Flüchtlingen, Bettlern bevölkert wird. Eine Künstlerin, die absichtslos durch eine traumartige Landschaft gleitet, dabei geheimen, gleichsam magischen Ritualen und Botschaften folgt und findet, was andere längst schon nicht mehr suchen: Zu Beginn, am Abschied von der Bühne, ist es etwas Unbenanntes, was ein Techniker verloren hat, später in einem Knäuel Stoff eine Kontaktlinse ihrer Mutter. Schließlich eine Liebe, die sie tief ins Innere eines Salzbergwerks führt, ins Innere der Welt. Am Ende ist es ein vermisstes Kind, das sie wieder zurück bringt, zum Erstaunen aller.

Handke lässt sich Zeit in seiner Erzählung. In erratisch schwebenden Sätzen beschreibt Handke eine märchenhafte und gleichzeitig apokalyptische Welt, in der Menschen nach geheimen, gleichsam vorbestimmten Befehlen handeln. Er zeichnet die Figuren ebenso schemenhaft, wie Ort und Zeit, und legt programmatisch keine Deutung fest. So nennt er das vermisste Kind "Andrea" und lässt offen, ob es ein Mädchen ist oder ein Junge. Auch der Titel "Kali" bleibt mehrdeutig, er könnte für das Salzbergwerk stehen, aber auch für die hinduistische Göttin ­ die in Umkehrung des Kultes hier kein Opfer verlangt, sondern einen verloren geglaubten Menschen zurückbringt.
 

Irmgard Schmidmaier, dpa