Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 22.02.2007
La vie en rose
Nichts bereuen?
Monatelang hat die Schauspielerin Marion Cotillard geübt, um die gebeugte Haltung und den watschelnden Gang der Edith Piaf anzunehmen, um wie sie zu gestikulieren und die Augen aufzureißen, um zu lernen, mit scharfkantiger Stimme immer ein wenig zu (vor-)laut zu sprechen.
Das hat sich gelohnt: Cotillard (31) überzeugt auf der Leinwand als kokette 18-Jährige, der ein Kabarettbesitzer den Spitznamen "Piaf" ("Spatz") gibt, als divenhaft-launische 30-Jährige und als ausgezehrte 47-Jährige kurz vor dem Tod. Die Playback-Szenen mit Chansons wie "Padam", "Mon Dieu" und "Je ne regrette rien" sind ihr so gut geglückt, dass man glaubt, Cotillard hätte selbst gesungen - dabei war es die stimmgewaltige Piaf-Imitatorin Jil Aigrot.
In liebevoll gestalteter Kulisse zeigt Olivier Dahan die elende Kindheit der Edith Gassion auf der Straße, beim Zirkus und im Bordell, erste Erfolge in Pariser Spelunken, den Aufstieg zum Weltstar, den Absturz. Ständige Zeitsprünge und eine nervöse Kamera - die Perspektive der getriebenen Protagonistin? - führen vor allem dazu, dass der Film anstrengt, dass er zersplittert wirkt und unruhig. Piafs illustre Freunde - Yves Montand, Charles Aznavour, Jean Cocteau - kommen nicht vor, nur Marlene Dietrich hat einen Kurzauftritt. Dafür hat der Regisseur Piafs Zerbrechen an der Drogensucht viel Raum gegeben: Allzu lange lässt er sich Zeit, ehe er sie und die Zuschauer erlöst.
Nichts zu bereuen? Bei Olivier Dahan sind Zweifel angebracht. Ihn könnte irgendwann die Erkenntnis einholen, dass er alle Möglichkeiten gehabt hätte, einen wirklich großen Film zu machen.
Bernd Haasis
22.02.2007 - aktualisiert: 22.02.2007 13:18 Uhr