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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 15.03.2007

Der letzte König von Schottland

Väterlicher Volksheld wird paranoider Diktator

Es ist die Studie einer Wandlung: "Der letzte König von Schottland" zeigt, wie Idi Amin vom warmherzigen Volkshelden zum paranoiden Diktator wird, der tausende umbringt und sein Land ins Verderben stürzt. Amins Stimmung schlägt binnen Sekundenbruchteilen um vom väterlichen Freund zum blutrünstigen Potentaten - das lernt der junge Schotte Nicholas Garrigan, den Amin zu seinem Leibarzt erkoren hat.

Am Ende wird er nur noch der "white monkey" genannt, der "weiße Affe" des Diktators. Alle Facetten des Selbstbetrugs und der Selbstverleugnung durchläuft dieser junge Mediziner: Statt als Entwicklungshelfer zu schwitzen, fährt er lieber Cabrio, statt den Mund zu halten, plaudert er fahrlässig, statt Distanz zu suchen, überschreitet er noch die letzten Grenzen - und redet sich ein, damit durchzukommen. Doch bald holt ihn die afrikanische Realität ein, archaisch und besonders schmerzhaft.

Natürlich spielt die frühere Kolonialmacht Großbritannien nach wie vor eine Rolle: Sie hat Amin an die Macht gebracht in der Hoffnung, er werde als willfähriger Vasall dem Westen seine Schätze für ein bisschen Dolce Vita aushändigen. Das Gegenteil geschieht: Amins Paranoia richtet sich auch gegen die indischen Geschäftsleute, das Rückgrat der Wirtschaft, die prompt zusammenbricht, als der Diktator die Inder brutal außer Landes treiben lässt.

Der Oscar-gekrönte Forest Whitaker ("Ghost Dog") dominiert den Film mit seiner überragenden Darstellung des charmanten, psychotischen Tyrannen, doch James McAvoy gelingt es als Nicholas Garrigan immer wieder, eigene Akzente zu setzen. Als Arzt im Film wie als Schauspieler gelingt es ihm immer wieder, sich aus dem Schatten des Charismatikers Amin alias Whitaker herauszumanövrieren - ein großartiges Paar.

Kulisse und Ausstattung tun ein Übriges zur Wirkung des Films. Uganda, geprägt von sattem Grün und warmem Rotbraun, erscheint als Schatzkammer der Natur, und mehr als einmal stellt man sich die Frage, wieso es in so einem wunderbaren Lebensraum nicht gelingt, alle Bürger an dessen Fülle teilhaben zu lassen; schmucke Neubauten und farbenfrohe, modische Kleidung der 70er Jahre hingegen stehen symbolisch für den Aufbruch des Landes in die Moderne, für die Verheißung, dass Wohlstand für alle möglich geworden ist.

Doch die Hoffnungen erweisen sich als trügerisch, wie so oft auf dem magischen, geschundenen Kontinent Afrika, der immer wieder in Blutrausch und Massenelend versinkt. Die Filmindustrie hat sich zuletzt öfter auf Ursachenforschung begeben, Aspekte wie Bürgerkrieg ( "Hotel Ruanda"), Waffenschmuggel ("Lord of War") und Diamantenhandel ( "Blood Diamond") beleuchtet. "Der letzte König von Schottland" fügt diesem Mosaik nun den chirurgischen Blick in die Seele eines vom Verfolgungswahn korrumpierten Diktators hinzu. Vergangenheit? Nein, Gegenwart: Bis heute tragen Verblendete wie Mugabe in Simbabwe zum Niedergang Afrikas bei.
 

Bernd Haasis

15.03.2007 - aktualisiert: 15.03.2007 08:56 Uhr

 


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