Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 19.04.2007
Sunshine
Himmelfahrtskommando zur Sonne
Kleiner Aussetzer, große Wirkung: Wie so oft, wenn Menschen am Werk sind, setzt eine kleine Unachtsamkeit eine Kettenreaktion in Gang, die kaum zu stoppen scheint. Besonders fatal ist das an Bord eines Raumschiffes, das die erlöschende Sonne mittels einer Bombe wieder anzünden soll und dem Feuerball deshalb gefährlich nahe kommen muss - ein echtes Himmelfahrtskommando.
Geschützt von einem riesigen Reflektorschirm gleitet die Ikarus durchs All, und Danny Boyle ("Trainspotting") hat seinen ersten Ausflug ins Science-Fiction-Genre mächtig bebildert: Atemberaubend realistische Kamerafahrten um den riesigen Spiegel, der dem Feuerball trotzt, stellen die Größenverhältnisse her und brennen den Zuschauern gleich zu Beginn ein, dass die Gefahr des Verglühens allgegenwärtig ist. Ein wiederkehrender Albtraum der Astronauten: in die Sonne hineinzufallen. Dem gegenüber steht die Faszination, die das lebensspendende Licht auf Menschen ausübt. Einer der Raumfahrer verbringt viel Zeit auf der Bank vor dem stufenlos verdunkelbaren Panoramafenster, dem einzigen Durchlass im Schutzschild, starrt die Sonne an, testet, wie viel von ihr er ertragen kann.
Als zwei Astronauten das Schiff verlassen, um defekte Hitzekacheln zu reparieren, kommt ein mulmiges Gefühl auf. Es gibt keine Hauptdarsteller, sondern ein Ensemble, und man ahnt: Die Crew wird die Mission nicht vollzählig beenden. Ganz unterschiedliche Charaktere prallen da aufeinander. Einer ist bereit, sich zu opfern, ein anderer beharrt egoistisch auf seiner Befehlsgewalt und gefährdet alle. Schwer wiegende Entscheidungen müssen getroffen werden, und alle haben mit Leben oder Tod zu tun, nicht nur an Bord, sondern für die gesamte Menschheit.
Boyle hat sich an ein Genre gewagt, in dem es an prägenden Vorbildern nicht mangelt - Stanley Kubricks "2001", Andreij Tarkowskijs "Solaris", auch Ridley Scotts "Alien" -, und es ist ihm gelungen, eine eigene Ästhetik zu finden, ein eigenes Prinzip. Die Sauerstoffversorgung erfolgt über ein sorgsam gehegtes Gewächshaus, das Design der reptilienhaften Raumanzüge passt nicht nur zur Gesamtatmosphäre, sie erinnern in goldenen Reflektorplättchen, blitzend und blinkend, auch dann an die alles beherrschende Sonne, wenn diese ausgesperrt ist.
Über weite Strecken fügt sich das Handlungsmosaik gut ineinander, geht Boyle an die Grenzen und inszeniert spektakuläre Szenen am Rande des Vorstellbaren. Allein seinem Bordcomputer lässt er eine zu lange Leine: Mal schaltet er sich ein und mal nicht, seine Entscheidungen erscheinen ein wenig zu beliebig und willkürlich.
Bedauerlich auch, dass Boyle am Ende zu viel wollte. Er führt eine surreale, pseudoreligiöse Gerichtsinstanz ein, wo er die Menschheit der Selbstzerstörungskraft ihrer eigenen Unzulänglichkeit hätte überlassen können, so wie John Carpenter es in seinem Low-Budget-Debüt "Dark Star" einst getan hat. Trotzdem hat Boyle das Genre um einen Meilenstein bereichert: Er hat den ersten großen Film über die Sonne gemacht, die so noch nie zu sehen war.
Bernd Haasis
19.04.2007 - aktualisiert: 19.04.2007 11:33 Uhr