Schon der Azubi kann Opfer werden - ungerechtfertigte Kritik vom Ausbilder oder Kollegen sollte nicht hingenommen werden
Stuttgart - Egal wie sehr sich der Auszubildende anstrengt, dem Abteilungsleiter ist es einfach nicht recht zu machen: Obwohl er gute Bewertungen von anderen Ausbildungsstationen mitgebracht hat, ist in dieser Geschäftsstelle nichts gut genug ...
Auch Auszubildende können Opfer von Mobbing werden - sogar öfter als andere Berufstätige, wie Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund belegen. Dem Mobbingreport der Bundesanstalt aus dem Jahre 2002 zufolge ist die Gruppe der unter 25-Jährigen am stärksten von Mobbing betroffen. Die damalige Befragung ergab, dass 3,7 Prozent der unter 25-Jährigen schon einmal gemobbt wurden. Im Durchschnitt aller Erwerbstätigen sind es nur 2,7 Prozent.
Die Zahlen seien immer noch aussagekräftig, sagt Beate Beermann von der BAuA. "Für Auszubildende ist das Risiko besonders hoch." Ihre Quote liege bei 4,4 Prozent, und damit deutlich über dem Gesamtdurchschnitt der Erwerbstätigen. Dabei werde der Azubi meist nicht vom Vorgesetzten gemobbt, sondern von Mitazubis und anderen Kollegen, sagt Beermann. Häufig schwingen Rivalität und die Angst um den Arbeitsplatz mit. "Bei Mobbing geht es oft um Leistungsstandards." Wo zu wenig Leistung erbracht wird, werde kritisiert. Wo Azubis fleißig sind, werden sie zurückgepfiffen, weil sie den Standard verderben.
"Azubis werden häufig auch ohne Grund kritisiert", sagt Marco Frank von der DGB-Jugend in Berlin, der mit anderen DGB-Mitarbeitern als "Dr. Azubi" Mobbingopfer in einem Internetforum betreut. Häufig würden die jüngeren Mitarbeiter lächerlich gemacht, ihre Leistung werde angezweifelt. Eine Auszubildende habe zum Beispiel darüber geklagt, dass sie in ein einzelnes Zimmer gesetzt wurde und nur ausbildungsfremde Tätigkeiten erledigen durfte. "Die Begründung lautete, sie sei zu dumm für die Ausbildung." Andere würden mit dem Kommentar schikaniert "Lehrjahre sind keine Herrenjahre". Gegen Auszubildende, die gut ankommen, werde manchmal auch wegen ihrer Beliebtheit intrigiert. Es werden Sachen versteckt, oder die Arbeit wird negativ beeinflusst. "Da verschwinden dann zum Beispiel wichtige Dateien."
"Oft werden die Mobbingopfer krank", weißt Frank. Sie bekommen Weinkrämpfe oder Magenprobleme, haben Angstzustände und fragen sich ständig, was habe ich falsch gemacht? Die jungen Berufstätigen wissen sich nicht zu wehren, und von den Eltern bekommen sie womöglich zu hören, das sei eben so in der Ausbildung. "Gleichzeitig stehen sie unter Druck wegen des allgemeinen Lehrstellenmangels."
Spätestens wenn der Job krank macht, ist es an der Zeit, den Betrieb oder zumindest die Abteilung zu wechseln. "Auszubildende sollten das nicht einfach hinnehmen", sagt Frank, sondern das Gespräch und Rat suchen, zuerst mit dem Ausbildungsbetrieb, bei der Gewerkschaft, beim Betriebsrat oder in Onlineforen wie www.doktor-azubi.de. "Es kann auch sinnvoll sein, mit dem Mobber selbst zu sprechen - oder mit einer Vertrauensperson in einer Machtposition", sagt die Diplompsychologin Karin Joder aus Kiel.